YIN
550 Worte-Erinnerung an YIN, vier Gedichte aus YIN, und der 2000-Worte-Dao-Container aus YIN
2020 habe ich einen inzwischen out-of-print-Gedichtband geschrieben. Er trägt den Titel YIN. Irgendwann, in ein paar Jahren, möchte ich den Parallelband YANG schreiben.
YIN war ein Versuch auf eine spontane Art die Pandemie und den Lockdown aufzuzeichnen. Ich hatte im Winter 2019 in Berkeley, wo wir damals für ein paar Monate waren, meinen Roman PARK fertiglektoriert. Die Veröffentlichung wurde wegen der Pandemie verschoben.
In San Francisco, bei City Lights, hatte ich – über Ginsberg und LeGuin – das erste Mal vom Daoismus gehört, vor allem vom Daodejing als anarchistischer Klassiker.
Zurück in Berlin, im Januar 2020, las ich Lao-tsu und daoistische Lyrik, und einige Sachbücher, insbesondere „China und die Hoffnung auf Glück“ von Wolfang Bauer. Ich begann andauernd I-Gings zu werfen. Und ich schrieb von Januar bis August 2020 ein Gedicht nach dem anderen.
Ich verstand ein bisschen von dem Wei Wu Wei, der Action by Non-Action, eine Art Spontaneitätskonzept, das sehr stark mit meinem vorhandenen Weltverhältnis resonierte.
Vor ein paar Tagen erzählte mir Jan Snela, ein Schriftseller, der auf dem gleichen Literaturfestival wie ich gelesen hatte, dass den japanischen Haiku-Dichtern formale Fehler vergeben wurden, wenn ihre Gedichte nur wirklich Wu Wei waren, aus einer echten Spontaneitätsgeste geschrieben waren. Das hat mir sehr gefallen. Ich habe mir dieses Jahr wieder vorgenommen, spontaner zu schreiben, da ich manchmal unter den Zwängen der Architektur und der Geometrie beim Schreiben leide. Wahrscheinlich werde ich mich nicht so schnell davon befreien können.
Hier folgen jetzt der Dao-Container, ein Essays aus der Mitte des Buches YIN, geschrieben im Sommer 2020 und vier Gedichte aus YIN. Damals schrieb ich noch Tao, nicht Dao – das ist eine Frage der Aussprache.
Das erste Gedicht „aber“ habe ich im Januar 2020 geschrieben, nach einem Streit. Ich finde, das Gedicht fühlt sich an, als ob es während des Lockdowns geschrieben sei.
Ab dem 11. März 2020 stufte die WHO das Ausbruchsgeschehen als globale Pandemie ein.
Zwei Gedichte, die nach dem Tao-Container folgen, sind vom 16. März.
Am 17. März 2020 wurden die Schulen und Clubs geschlossen.
Am 23. März 2020 wurden die Geschäfte geschlossen.
Das letzte Gedicht in diesem Post ist vom 25. März 2020.
Mein Vater war zu Beginn der Pandemie in Ägypten gestrandet und ich machte mir große Sorgen um ihn. Immer, wenn ich ihn per Telefon erreichte, war er mit neuen ägyptischen Freunde unterwegs und erklärte mir, mit welchen Tricks man die Fieber-Mess-Methoden umgehen konnte, zum Beispiel in dem man sich Eiswürfel auf Stirn und Schläfe legte. Auch über seine Rückkehr habe ich in YIN geschrieben.
Das Schreiben von YIN, die intensive Beschäftigung mit dem Daoismus und die vielen guten und manchmal auch schlechten Romane von Ursula K. Le Guin haben mich sehr gut durch 2020 gebracht. Ich hatte überhaupt keine Angst. Ich habe seitdem im Allgemeinen ein viel besseres Verhältnis zu meiner Umwelt.
Seit dem Januar 2021 wusste ich durch Nicholson Barkers unglaublich recherchierten New Yorker Magazine-Artikel relativ genau, woher Covid kam. Ich stritt mich per E-Mail mit meinem Großvater Ray, einem schottischen Ingenieur, der die Stimme der Wissenschaft, der Statistik und Rationalität in meiner Familie war und mich auf ein paar Nicholson Barkers Fehler hinwies. Ich schrieb oft mit ihm Mails über naturwissenschaftliche Ereignisse, wie zum Beispiel den Klimawandel oder die Sichtung den zigarrenförmigen, interstellaren Kometen ʻOumuamua. Ich hatte erst als Erwachsener wirklich mit Ray kommunizieren können, weil erst in den letzten Jahren sein Deutsch und mein Englisch besser wurde, sodass wir richtig kommunizieren konnten. Er starb unerwarteterweise mit 74 an einem plötzlichen System-Versagen am 30.11.2021. Ich denke oft an ihn. Er war ein Meister des Listen-Führens.
aber
ich habe versucht wegzugehen
ich muss wohl in die falsche richtung gegangen sein
du warst so traurig
ich war so traurig
alle geschäfte waren geschlossen

mein tao-container beinhaltet
laotse
das tao te ching
das tao
das wasser
wu wei
die liebe
Laotse oder Laozi oder Lao Tse oder Lao Tzu wurde am 14. September 604 v. Chr. in Ch’u geboren, hinein in eine Zeit immenser gesellschaftlicher Umbrüche und Unruhen. Eine Neuordnung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse ließ ein über tausend Jahre währendes Feudalsystem erodieren und es entstanden neue gesellschaftliche Schichten, neue Allianzen, neue Herrscher, neue Kriege, neues Wissen, neue Freiheiten, neue Kunst. Laotse verbrachte 62 oder 81 Jahre im Bauch seiner Mutter. Oder besser: Xiāntiān war mit Laozi 62 oder 81 Jahre schwanger. Sie gebar ihn durch ihre Achsel. Lao Tse konnte bei seiner Geburt sprechen und hatte weiße Haare und sehr lange Ohrläppchen. Man gab ihm den Jugendnamen Erl (Ohr), später den Namen Lau Dan (altes, langes Ohr), dann Lao Tzu (altes Kind). Laozi zog in die Hauptstadt Luoyan und arbeitete als Archivar der Gerichtsbibliothek. Er heiratete, bekam einen Sohn, der erfolgreicher Soldat wurde. Lao Tse entdeckte eine alte Lehre um fließende Felder, um eine Balance der zehntausend Dinge. Er baute keine Schule auf, aber immer wieder kamen Reisende und wollten seine Vorträge hören. Bei meinen Recherchen habe ich gelernt, dass es üblich war, dass die Bewohner des chinesischen Altertums mehrere tausend Seiten Text aufsagen konnten. Konfuzius besuchte ihn. Laotse beleidigte ihn. Mit 160 Jahren verließ Laozi enttäuscht und abgestoßen von der herrschenden Chou-Dynastie die Hauptstadt und ritt auf einem lilablauen Wasserbüffel nach Westen. Nach Westen heißt im chinesischen Denken nach Zentralasien zu gehen: In die Wildnis, ins Nomadenland, ins Niemandsland. Ein Grenzer, ein Soldat oder ein Gelehrter, erkannte den berühmten Lao Tzu und forderte ihn auf, für ihn, der nie an seinen Vorträgen hatte teilnehmen können, sein Wissen aufzuschreiben. Er stellte Laozi dafür seinen Wetterturm zur Verfügung. Laotse schrieb dort innerhalb von sechs Tagen das Tao Te Ching. Dann verschwand er.
Das Tao Te Ching ist ein kurzes Buch. Es beinhaltet 5000 chinesische Schriftzeichen, unterteilt in 81 Gedichte. Vermutlich wurde die Kapitelstruktur später eingefügt und der ursprüngliche Text war fließend. 1993 wurde die bisher älteste Originalversion des Textes, geschrieben auf Bambus-Tafeln, in einem Grab in der Nähe der Stadt Guodian, Jingmen, Provinz Hubei gefunden und auf älter als 300 v. Chr. datiert. Die Tafeln weichen erstaunlich wenig vom überlieferten Text ab. Das Tao Te Ching gilt als ältester Ausdruck chinesischer Philosophie, es beinflusste die späteren Schulen des Legalismus, des Konfuzianismus und des Buddhismus. Viel später entwickelt sich die Alltagsreligion des Taoismus, die sich weit von seinem Ursprungstext entfernt hat. Das Tao Te Ching, in deutschen Umschriftungen oft Daodejing – Tao wird mit weichem t, eher einem d, gesprochen, dau, ich benutze die Umschriftung Tao, weil T ein so schöner Buchstabe ist – gehört zu den meistübersetzten Texten der Welt und ist in vielen Sprachen, auch in mehreren deutschen Übersetzungen, online frei verfügbar. Die Gedichte sind kurz. Sie sind lakonisch und minimalistisch, kurze Statements oder Kontradiktionen. Sie sind funny und clever, Wortspiele oder Auflösung von Gegensätzen, Paradoxa, Sprichworte oder Aphorismen. Wegen der zeitlichen Neutralität der chinesischen Grammatik und dem Fehlen von historischen Anspielungen kann das im Tao Te Ching Beschriebene wahlweise in die Vergangenheit, in die Zukunft oder in ein ewiges Präsens gesetzt werden. Das Tao Te Ching ist ein Rätsel. Da der geschriebene chinesische Text kein aktiv oder passiv, kein Singular oder Plural und vor allem keine Interpunktion kennt, ist jede Übersetzung stark interpretierend. Ich lese die englische Übertragung von Ursula K. Le Guin (1997), die die anarchistische Grundlage betont, die emanzipatorische Bewegung des Tao Te Chings, einer Befreiung des Individuums. Und die metaphysische Übersetzung von Richard Wilhelm (1910), der eher eine kosmische Lesart verfolgt. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob metaphysisch hier wirklich das richtige Wort ist. Er sieht jedenfalls vor allem die strukturelle Ordnung des Taos. Ein Klassiker der Forschung ist die Übersetzung von Arthur Waley (1934). Das Tao Te Ching unterteilt sich in zwei Teile, dem Tao Ching (Kapitel 1-37), dem Buch (Ching) des Taos, einer Einfühlung in das Wirken des Taos und dem Te Ching (Kapitel 38-81), einer Gesellschaftsutopie, die hierarchische Herrschaft ablehnt, dem Buch des Te, gesprochen de. Im Mittelpunkt steht ein notdürftiger Name für etwas Unaussprechliches: Tao.
Tao, übersetzt Ursula K. Le Guin mit the Way, Richard Wilhelm mit Sinn. Das Tao, Ursprung und Ziel des Lebens, drängt von selbst zum Ausgleich aller Kräfte und zur optimalen Lösung. Das Tao hat keine Form. Es ist nicht vom Menschen oder irgendjemanden zu erkennen, das Tao ist kein Wesen, kein Leben, man erreicht es nicht. Es ist dunkel. Das Tao ist einfach da, im Universum. Sein Ursprung ist ein Geheimnis. Ein wirkliches Geheimnis. Das Tao ist die Mutter aller Dinge. Das Tao ist die Natürlichkeit der Entwicklung. Zum Tao kehrt das Leben zurück. Es hat überhaupt nichts mit dem Menschen zu tun. Es in Sprache zu fassen, limitiert es. Das Tao Te Ching beschreibt nicht, was das Tao ist, sondern wie es wirkt. Das Tao umfasst alles, jede Beziehung, auch die Leere. Das wichtigste in meiner Wohnung ist die Tür. Es gibt keine körperlichen Strategien, um sich dem Tao anzunähern, es bleibt immer unerreichbar. Das Lesen des Tao Te Ching kann als eine Übung verstanden werden. Ein Un-Learning. Ein Vergessen der gelernten Konzepte, ein Vergessen der Wünsche, der Macht, die auf mich ausgeübt wird, ein Vergessen der Worte. Das Tao Te Ching hinterfragt die Repräsentation von Realität. Es sagt, dass die Realität kein anderer ist, der mir, einem Beobachter, gegenübersteht. Es zeigt die Unerkennbarkeit der Realität. Der sehr merkwürdige Alfred Korzybski (1879 – 1950) schreibt: A map is not the territory. Das vermittelt das Tao Te Ching. Es schlägt ein Sehen, ein Teilhaben an der Welt vor, eine Teilhabe in Unabsichtlichkeit, die in ihrer Einfachheit das Rätsel ist. Es lehrt Spontanität. Das Tao Te Ching ist eine Übung zum gewaltlosen Gelingen der Beziehung zur Umwelt. Es schlägt ein Zulassen vor: wei wu wei. Das Tao Te Ching plädiert für das Softe, die dunkle Seite, das Stumme und Stille, das Kurze, das Kleine, das Schwache. Diese Eigenschaften sind überlegen. Suche nicht, strebe nicht, versuche nicht zu erwerben, anzuhäufen, zu gewinnen. Das Tao Te Ching feiert die Einheit in Vielheit.
Mollie Fancher (1848 – 1916), die sogenannte Brooklyn Enigma, eine sehr bekannte und von Arzt-Männern stigmatisierte Hungerkünstlerin, die fast fünfzig Jahre lang in ihrem Bett lebte, sagte über ihren Zustand nach wochenlangen Fasten: I go out and around and see a great deal. Sometimes I go into a house and view the conditions of the room. Sometimes I see persons and nothing more.
Ich bin in einer Wohnung in der Altstadt von Koblenz aufgewachsen, mit Blick auf den Rhein, der dort ein sehr breiter Fluss ist. In der St. Castor Grundschule, 1998 - 2002 jedenfalls, war der natürliche Modus der meisten Mitschüler eine beiläufige Gewalt, die sich durch Schläge auf andere ausdrückte, die durch ein mir undurchsichtiges Prinzip ausgewählt wurden. Ich war klein und dünn und still und nervös und hatte nur einen Schneidezahn und nur einen Eckzahn. Dass ich Gewalt verachtete, verstand ich in dem einzigen Moment, in dem ich mich wehrte. Aber es war risikoreicher, Gewalt zu ignorieren, als zu simulieren. Erinnerst du dich an die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999? Die Brillen aus der Fernsehzeitung? Mein einziger Freund hieß Umut. Im Frühjahr 2001 hatten der Rhein und die Mosel Hochwasser. Umut und ich liefen durch die Stadt. Graue Pfützen, Feuerwehrschläuche, Seen, Wasser. Der Rhein suchte sich seinen Weg, vorbei an den zu rasch errichteten 60er-Jahre-Bauten, auf die restaurierten Plätze, in die Eingänge der Geschäfte, in die Parkgaragen, durch die Kanalisation, in die Keller der Einfamilienhausbesitzer. Umut und ich vor einem Gulli, aus dem der Rhein sprudelt. Es roch nach Fahrradreifen und Quark. Hier ein Wasserfall und dahinter? Wie ging es weiter? An manchen Plätzen hatte die Feuerwehr provisorische Fußgängerbrücken gebaut. Die Dinge ändern ihre Bedeutung, wenn sie aus Wasser herausragen. Umut suchte seinen Stock auf einer Insel. Er brauchte lange, bis er ihn fand. Ein Zanderangler. Ich habe den Rhein und sein Hochwasser nie als etwas Bedrohliches erfahren, obwohl ich viel in meiner Kindheit bedrohlich fand. Eigentlich wollte ich immer, dass es kommt, das Wasser, weil diese Art von Ausnahmezustand die Leute, so dachte ich, befriedet oder ablenkt oder überwältigt. Keine Autos. Ich erinnere mich in letzter Zeit immer wieder an eine verwandelte Gewalt, die Umut und ich in der Wohnung seines Vaters, der ein Obst- und Gemüsegeschäft betrieb und selten zuhause sein konnte, entwickelten. Eine leere Wohnung, der Teppichboden, die Stockbetten, ein Fernseher. Eine Gewalt, die wir in eine Erotik überführten, weil wir nicht wussten, was wir mit diesen Bildern anfangen sollten. Mit den schlagenden und schreienden und siegenden und höhnisch lachenden Körpern, die wir überall sahen. Der immer wieder und so oft beschriebene Moment: Wenn es kippt. Vom Wrestlingmove ins Umarmen, vom Schwitzkasten ins Streicheln, das Wachwerden der Augen, immer ins Zärtliche. In Bruce Lee sah ich etwas anderes. Dort war nie etwas Brutales angelegt, was wir für uns hätten durchlässig machen müssen. Vielleicht war es sein Tanzen, seine seltsame Handgeste, sein Zeigefinger. Ein Finger, der auf den Mond zeigt. Konzentriere dich nicht auf den Finger, sonst verpasst du die Schönheit des Universums. Seine entschuldigende Geste, wenn er einen Boss besiegt hatte, seine Ruhe, seine Spannung, sein stilles, konzentriertes Gesicht, die Voice-Overs der 70s-Hong-Kong-Movies, die Nun-Chaks, seine Outfits. Die Trainingshosen, die wir trugen. Umut organisierte Dragon: The Bruce Lee Story für die Super Nintendo. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals irgendein Game durchgespielt hätten. Ich glaube heute, vielleicht waren wir zu jung, um uns auf das Konzept von Schaffen und Erledigen einzulassen. Es zu kennen? Auf der Suche nach eigenen Regeln in einem Computerspiel? Was soll ich machen? Wo soll ich hin? Manchmal tauchen in meinem Kopf die ganzen Maps auf, durch die ich planlos gelaufen bin. Wir banden uns Bademäntelgürtel um den Kopf, zogen unsere T-Shirts aus und trainierten gemeinsam, studierten Kombinationen ein. Er beobachtete mich. Ich beobachtete ihn. Aber das war so liebevoll, so etwas anderes, dass wir es in den bedrohlichen Situationen niemals hätten anwenden können. Ich sehe uns immer nur vor irgendjemanden wegrennen, uns die Knie aufschürfen. Aber nicht, wenn der Rhein kam. Ich sehe uns auf Stegen balancieren, Umwege gehen, Keller betreten, in Pfützen fallen. Auf dem verwahrlosten Zentralplatz das Wasser.
Im Sommer 2005 diskutierte ich mit meinem Vater den möglichen Nutzen eines DSL-Anschlusses. In diesem Sommer 2005 besuchte ich zum ersten Mal youtube und dailymotion und google video. Ich weiß genau, wie ich das erste Mal dieses Bruce Lee-Interview sah.
Jetzt ist das Frühjahr 2020, ich bin 28 Jahre alt. Ich wohne im Hansaviertel und schaue in die Bäume. Ich könnte ewig so weiter machen. Nur schlafen will ich immer noch nicht. Meine Angst Junkie zu werden, liegt so weit entfernt. Ich höre meiner Chinesisch-Lern-App zu. Ich frage mich: Was ist eigentlich der Punkt dabei, besser als jemand anderes sein zu wollen? Der Satz in meinem Kopf: Wasser konkurriert nicht. Ein Wasser durchfließt das Tao Te Ching, von Gedicht zu Gedicht, umfließt das, was sich in seinen Weg stellt. Bruce Lee: Empty your mind, be formless, shapeless — like water. Now you put water in a cup, it becomes the cup; You put water into a bottle, it becomes the bottle; You put it in a teapot, it becomes the teapot. Now water can flow or it can crash. Be water, my friend.
Immer wieder Laotse: wei wu wei.
Do not-do. Doing not-doing. Act without acting. Action by inaction. You do nothing, yet it gets done…, übersetzt Le Guin.
The state of perfect knowledge of the reality of the situation, perfect efficaciousness and the realization of a perfect economy of energy, beschreibt es der Sinologe Jean François Billeter.
Nichthandeln im Sinne von Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns, heißt es bei wikipedia. Laotse spricht von Inaktivität, aber wu wei meint Inaktivität nicht im Sinne von Trägheit. Sondern eine Aktivität zu vermeiden, die gegen das Geschehen gerichtet ist. Es meint nicht Faulheit, sondern Arbeit ohne Anstrengung, ohne Angst. Arbeit ohne Zwang, Arbeit nicht für die Ergebnisse, nicht in Ausbeutung, sondern für die Tätigkeit selbst. Spontan zu handeln, so, dass es den natürlichen Gegebenheiten entspricht. Brutale Männer, heißt es, sterben einen brutalen Tod. Der, der das Tao weiß, ist weich und schwach, das ist seine Stärke. Weil er nicht streitet, kann niemand mit ihm streiten. Er hat keine Macht. Er will keine. Er ist nur da, als Mensch, bescheiden.
Le Guin sagt in ihrem Kommentar über das wu wei: It’s not a statement susceptible to logical interpretation, or even to a syntactical translation into English; but it’s a concept that transforms thought radically, that change minds. The whole book is both an explanation and a demonstration of it.
16.03.2020
der frühling kommt
und alle bleiben zuhause
jetzt ist die zeit für die besonders merkwürdigen youtube-videos
ich weiß nicht, was zu tun ist
also suche ich nach zeichen
wie gut, dass ich eingeschlossen bin
mit jemanden, der sich für landschaftsmalerei interessiert
wir beglückwünschen die schüler
in meinem kopf immer wieder die gleichen bilder
abdrücke von kinderhänden auf autoscheiben
auf der straße kisten von orangenschalen
du legst dich auf das sofa
und machst einen extrem komplizierten film an
uns wachsen die haare
eine neue welt ist schwierig
aber so kommt alles in ordnung
so wird er aussehen
der untergang des kapitalismus
denke ich heute
nicht hinter barrikaden
sondern durch die abstinenz der menschen
keiner spielt mehr auf den streetpianos
in leeren terminals

16.03.2020
was sollen wir heute machen
nichts mit menschen
wir gehen nach oben
da ist niemand
die quarantäne beweist mir, dass ich für eine siebenmonatige marsexpedition bereit bin
ich stehe zur verfügung
julian assange war sieben jahre lang in einer wohnung
julian assanges gesichtsfarbe bei seiner festnahme war erstaunlich
erinnerst du dich an den kranken salamander in dem terrarium in l.a.
die sonne scheint
ich bin mittelmäßig deprimiert
ich werde meine aggressionen nicht an dir auslassen
menschen in jogginghosen bei facetime konferenzen
unpräzise worte wie künstler
unpräzise worte wie isolation
das wetter
ich kotze
die quarantäne beweist mir, dass ich für sieben schweigemonate bereit bin
ich werde eine religion finden
ich werde mir genau überlegen, wann ich aufstehen soll
ich schlage gegen eine wand
ich härte meine hände ab
leben in amerika
ihr älterer sohn war schon als kind verstorben, damit die götter den eltern nicht noch einen sohn nehmen, gaben sie bruce lee den mädchennamen sai fon, um die götter auszutricksen
denkst du jetzt ist der richtige zeitpunkt, die erde zu verlassen?
wenn ich jetzt sterbe
wer will meinen körper
niemand beansprucht meinen körper
wer löscht die newsletter
niemand wird meinen körper haben wollen
aber irgendjemand wird flüstern
ich glaube an die möglichkeit der völligen erneuerung der welt
ich weiß es nicht
es ist mir egal
das ist nicht das gedicht, das ich schreiben wollte

25.03.2020
wir könnten einen nachtzug bis an die grenze nehmen
aber es gibt keinen zug
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
auf den straßen strecken sich leute
ich öffne die schwarzteepackung und hoffe
es fliegen mir keine motten entgegen
ich hoffe, meine freiwillig gewählte naivität verwandelt sich nicht in hass
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
das schlimmste, was passieren könnte, ist, dass wir sterben
wir tauschen unsere dreißigbillionen bakterien aus
du und deine dreißigbillionen bakterien und
meine dreißigbillionen bakterien und ich
träumen von der zeit, als der mensch noch eine seltene art war
ich habe das bedürfnis, ein sehr langes gedicht zu schreiben
ich wundere mich, warum du mich so gut behandelst
ich kann nicht mehr verschwinden
ich will nicht mehr los, nicht mehr zu fuß in die wüste
du bindest uns aneinander, damit ich nicht mehr schlafwandel
ich habe im schlaf den knoten gelöst
die milch geschäumt, die kiste mit den dvds heruntergeworfen
die lampe abgebaut, die dusche angestellt,
den pappaufsteller von mel gibson aufs sofa gelegt
ich war glücklich, dass ich hier war
die neun kinder von mel gibson tragen weiß
sie klingeln an unserer tür
ich mache auf, weil ich denke, es ist dhl
im hausflur stehen die neun kinder von mel gibson
ich werfe mich auf den boden und krabbel zum bett
und lege mich unter die decke
ich wollte dich warnen
du rufst
im flur steht eine sekte
sie schweigen und rauchen
du gibst den neun kindern von mel gibson
den pappaufsteller von mel gibson
du flüsterst
ich glaube, sie sind verschwunden
meine augen werden schlechter
ich google
verbesserung der sehkraft durch natürliche methoden
du reißt die decke weg
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
aber erst mache ich einen kaffee
während du dir die augenbrauen färbst
extrem intensive augenbrauen
ich werde diszipliniert weiter machen
bei aller wahrscheinlichkeit
kannst du jetzt mehr schwitzen?
siehst du jetzt besser?
ich färbe meine augenbrauen
ich sehe aus wie ein anderer mensch
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
ich will dich nicht mit der welt teilen
da ist sowieso niemand
wir gehen und unterhalten uns
ich sehe das nichts
das überall ist
es ist zeit für ruhige und positive gedichte
ich habe keine angst
du kannst meine fragen beantworten






