Die Geist-Lemure von Madagaskar
20.000 Wörter zu dem Geist-Reh, dem Piraten Mission, seinem Manuskript, Libertalia und Lemuria
für walter p99 arkestra
Im September 2025 wurde in Parlamenten in Nepal, in Indonesien, in Frankreich, in Manila, Rom und New York der Jolly Roger aus One Piece gehisst, ein grinsender Totenkopf mit einem Strohhut. Die Totenkopfflagge hat niemals angezeigt, dass Piraten den Tod bringen würden. Das war nur eine PsyOp der Politiker. Das Fahren unter Piratenflagge wollte nur mitteilen, dass man todgeweiht war, dass man schon tot war, hinter der Geschichte, post-extinkt, desillusioniert. Man meldete , dass man niemanden mehr fürchtete, auch nicht den Tod. Manche Aufstände im September wurden niedergeschlagen. Der Aufstand der jungen Piraten in Madagaskar konnte das Regime stürzen und einen Präsidialrat für die Neugründung der Republik Madagaskar instruieren.
In der Morgendämmerung des 10. Januar 2026 lagen Tanita und ich wach. Tanita liebt die Dämmerung. Wenn wir eine Dämmerung erlebten, sagte sie: « Das ist die Dämmerung. Sie ist blau. »
Tanita, im 8. Monat schwanger, musste auf dem Rücken, hochgebettet auf Kissen schlafen. Sie las ein Buch und ich las in einem Discord-Server, der die One-Piece-Aufstände organisierte und von ihnen berichtete. Auf diesem Server gab es auch einen Literatur-Channel, in der Menschen seltene, revolutionäre Counter-Culture-Schriften sammelten, archivierten und diskutierten. Die Dämmerung vom 10. Januar 2026 weckte Erinnerungen daran, wie mein Vater im Herbst 2002, auf einem Schiff im Indischen Ozean zu mir gesagt hatte, die Dämmerung sei die traurigste Zeit des Tages. Etwas, das ich in meinem Leben und in der Literatur oft gehört und gelesen habe, als Anfangspunkt von Erzählungen und als Endpunkt in Virginia Woolfs The Waves.
Seit ich Schrifsteller geworden bin, ist meine Fähigkeit zu sprechen erst entstanden. Früher habe ich nicht gesprochen. Alles wurde in meinem Kopf zu Schrift. Das Sprechen und die Worte schienen unverbunden. Überreste von Mündlichkeit spürte ich nur hier und da auf meinen Lippen. Als mein Vater sagte, die Dämmerung sei die trauigste Zeit des Tages, sagte ich nichts. Ich sah über den hellen, indischen Ozean und hörte das Knacken des Schiffes. Meine Zunge, glaube ich, hat sich, seit ich begonnen habe zu schreiben, verdoppelt. Das wurde mir klar, während ich mir auf dem Discord den Scan einer französischen Handschrift ansah. Sie war auf 1699 datiert und kommentarlos gepostet worden. Die PDF hieß captain-mission-esprit-du-hasard. Ich konnte meine Augen nicht von der geschwungenen Schrift abwenden, von den ausladenden Buchstaben, die wie Palmblätter aussahen. Esprit du hasard.
Ich scrollte durch die Lebensbeschreibung von Mission, entzifferte mit chatGPT ein paar Passagen, dann bemerkte ich, dass in der PDF, hinter der Handschrift, der Scan eines zweiten Buches hing, ein Bilderbuch. Auf der Titelseite stand – noch in Missions Handschrift – Les lémuriens fantômes de Madagascar. Darunter war ein hieroglyphenartiger Affe abgebildet, ein Katta, mit schwarz-weiß-geringeltem Schwanz, auf einem Ast. Er schaute mich, den Betrachter, an.
Es folgten Hieroglyphen, Seite für Seite, Zeichen von Tieren und Menschen, Häusern, Pflanzen und Mensch-Tierwesen. Ich dachte, wenn ich Missions Memoiren übersetzt hätte, würde ich den Sinn dieses Buches verstehen, bald tauchten weitere Lemuren auf, auch in Esprit du hasard, wie in einem Wald, versteckt in den Buchstaben.
Ich wunderte mich, dass beide Texte nie veröffentlicht worden war. Zumal der Scan von Missions Handschrift, eine kleine Notiz aus der französischen Nationalbibliothek von 1799 enthielt, in der erklärt wurde, dass dies das Original sei und eine Abschrift des Textes in der Académie malgache in Antananarivo zu finden sei und, dass man sich an einen gewissen M. Valette wenden solle, wenn man mehr über den Autor erfahren wolle. In tagelangen E-Mail-Korrespondenzen versicherten mir Forscherinnen, Bibliothekarinnen und Verwaltungsbeamten in Madagaskar, dass M. Valette nie existiert hatte, aber man verwies mich auf Schriften von Daniel Defoe und William S. Burroughs, die Teile von Esprit du hasard gelesen haben mussten und darüber geschrieben hatten. Wie Mission waren Defoe und Burroughs als Außenseiter und Aufrührer markiert. Sie wurden verfolgt, zensiert und bestraft.
Ich begann die Handschrift zu übersetzen. Es dauerte fast zwei Wochen.
Am 26. Januar 2026 verstand ich mit chatGPT, dass die Hieroglyphen von Les lémuriens fantômes de Madagascar nicht chronologisch, sondern von der Mitte aus zu lesen waren.
Am 2. Februar 2026 sah ich in Esprit du hasard endlich das Reh, im Zentrum einer Seite, ein kleines Reh zwischen Farnen. Intuitiv verstand ich, dass hier ein Zeitfenster war.
2019 lebte ich in den Wäldern im Burgund, in Vézelay. Der Fluss in der Nähe hieß Cure. Es war ein sehr warmer Spätsommer, ohne Niederschläge.
Ich frage mich selbst, ob es eine Rolle spielt, was mich hierhergebracht hat oder wie es mir ging. Ich frage mich, ob meine Biografie, meine Erlebnisse, meine Vergangenheit mich an diese Orte meines Lebens führt, oder der Zufall. Alles scheint in einem Pendel zwischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten zu entstehen.
Mir ging es nicht gut, sehr schlecht sogar psychisch und physisch. Im Gegensatz zu den hilflosen Phasen zuvor, war ich in den Burgund mit der Absicht gereist, mich zu verändern, mich zu verbessern. Es war in dieser Zeit, in der ich die Wiedererlangung der Spontaneität versuchte, um aus meinen Gedanken herauszukommen. Ich übte mit den daoistischen Texten, in Momenten intuitiv und spontan zu handeln, um eine Veränderung herbeizuführen. Die Entdeckung der spontanen Aktion gewährte mir kurze Einblicke in die Freiheit, das heißt: Ich sah in den Garten der verlorenen Möglichkeiten.
Äußerlich gab ich kein gutes Bild ab. Ich hatte einen Bart und lange Haare. Ich lief in einer engen Jeans, Flip-Flops und einem roten T-Shirt durch das Dorf. Ich war oft müde, so, dass ich gerade die Augen aufhalten konnte. Es war gut, dass ich alleine war. Ich war transparent. Ich war zu einem Gespenst geworden, niemand beachtete mich. Nur die Kinder von dem Besitzer des kleinen Supermarkts, in dem ich jeden Tag Gemüse, Datteln, Couscous und einen 5-Liter-Wasserkanister kaufte, sahen mich an. Sie begannen mich zu hänseln, riefen nach mir: Da ist der unsichtbare Mann. Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich sie verstand.
Mein Versuch, hier in dem Heim im Burgund, die Ursache über mein Leiden zu finden, eine Beendigung des Leidens anzustoßen, den Pfad der Ausübung, der zur Beendigung des Leidens führt, zu gehen, war langwierig. Ich blieb noch eine Woche, dann noch eine Woche. Ich lief ewige Strecken durch die Wälder und Felder.
Am 21. September 2019 lief ich von meinem Heim im Dorf nach Cardoland, einem prähistorischen Skulpturenpark, das Lebensprojekt des bedeutenden Flamenco-Tänzers Cardo und seiner Familie. Sie hatten prähistorisch-große Mammuts und Dinosaurier gebaut und auf einem riesigen Grundstück ausgestellt.
Es war ein heller Tag, morgens. Der Wald, da im Burgund, ist kein Forst, sondern ein Urwald. Der Wald war von einer geraden, kilometerlangen Schneise durchschnitten, mein Weg. Rechts und links dichter Farn, dann dichte Bäume, mit trockenen Lianen unwegbar verhangen. Ich erinnere, dass sich meine Sicht verdunkelt hat. Ich kam in ein schattigeres Stück, die Schneise ging in eine Senke, dort wo sie wieder anstieg, stand das kleine Reh, so groß wie eine Katze, mit spitzen Zähnen, lange Fangzähne. Das Reh stand da, ganz klar im Licht. Wir regten uns beide nicht und sahen uns in die Augen.
Ich bekam Herzrasen. Und der Schreck, den ich in dem Körper des Rehs erkannte, wich Neugier, und nach einer Zeit folgte eine Erwartungshaltung. So sahen wir uns für Momente an, für ein paar tausend Jahre. Aber dann bewegte ich mich. Das Geist-Reh verschwand im Farn. Der Pfad hellte auf und ich ging weiter. Tränen strömten mein Gesicht herab.
Ich erreichte Vézelay wieder spät abends, noch in meinem Zimmer war ich überzeugt, ich hätte ein kleines Moschustier gesehen. Online las ich, dass das Moschustier in Europa seit 5 Millionen Jahren ausgestorben war. Ich fand online ein kleineres, europäisches Moschustier, das Micromeryx hieß, das dem Geist-Reh noch mehr ähnelte, aber seit 8 Millionen Jahren ausgestorben war. Aufgrund von Wilderei sind auch die nicht-europäischen Moschustiere weltweit im Verschwinden begriffen. Abends noch begann ich mehrere French Press zu trinken, womit ich gegen meine Regel verstieß, Rauschmittel zu mir zu nehmen.
Aufgrund dieser Begegnung, am 21. September 2019 begann meine Auseinandersetzung mit dem Aussterben, den Aussterbe-Inschriften, den Geistern und Totems.
Das tibetische Hochland hat die klimatischen Bedingungen der europäischen Eiszeit präfiguriert. Die Out-of-Tibet-Hypothese besagt, dass das tibetische Hochland das evolutionäre Ursprungsgebiet der Säuger der Eiszeit war, den Wollnashörnern, Höhlenlöwen und Riesenhirschen, die dann nach Westen wanderten, und später von den ersten menschlichen Künstlerinnen in den Höhlen der Pyrenäen dargestellt wurden.
Reh-Figuren vor dem Dharma-Rad befinden sich in fast jedem tibetisch-buddhistischen Kloster, so auch am Eingang des Jokhang, dem Heiligtum im heiligen Tempel von Lhasa.
Es heißt, dass während Buddhas erster Lehrrede, nördlich von Varanasi, nicht nur Menschen, sondern auch Rehe angezogen waren von seiner Rede über das Dharma, den Naturgesetzen. Diese Predigt in Sarnath hieß Die erste Drehung des Dharma-Rades, und wird durch zwei aufmerksame, goldene Rehe verkörpert, auf jeder Seite vor dem Rad kniend, die Ohren gespitzt und die Köpfe geneigt. Wahrscheinlich ist der Zusammenhang zwischen dem Rad und dem Reh noch älter. Auf Ton-Siegeln der Indus-Zivilisation, 2500 v. Chr., wurde das Emblem des Rades in Zusammenhang mit Shiva gefunden, der göttlichen Verkörperung der Zerstörung und Schöpfung. Shiva hält hier das Reh in seiner linken Hand. Das Reh symbolisiert hier, denke ich, das fast unerreichbare Vertrauen in den Lauf der Dinge.
Ich frage mich, was das Reh in den keltischen Religionen dargestellt hat, die ich sehr vermisse. Die vier Rehhirsche, die in Yggdrasil leben und deren vier Namen Variationen auf das Thema der Stille und das Thema des Zurückgehens sind, sind ausgestorbene Zeichen, über deren Sinn man nur noch spekulieren kann.
Das Totem zu essen, ist tabu. Ich verstehe jetzt, warum ich immer krank geworden bin, wenn ich Rehfleisch gegessen habe. Ich habe seit zwanzig Jahren kein Wild mehr gegessen und ich werde es auch nicht mehr tun. Wäre mir die Begegnung mit dem Geist-Reh heute, sieben Jahre später, in denen ich so viel an mir gearbeitet habe, passiert, ich hätte mich nicht bewegt, aber damals bewegte ich mich. Das Geist-Reh verschwand im Farn.
Wäre ich damals klarer und stiller gewesen – oder ein Kind –, hätte mich das Geist-Reh in den Garten der verlorenen Möglichkeiten geführt. Alles, was ich heute tun kann, ist in meinen Meditationspraxen, die ich beherrsche – Schreiben, Lesen, Still-Sitzen – über diesen Moment nachzudenken, und an den Garten der verlorenen Möglichkeiten zu denken.
Den Garten der verlorenen Möglichkeiten zu betreten, hieße, in ihm alle verlorene Möglichkeiten erkennen zu können. Ausgestorbene Tiere, keltische Druiden, vergessene Interaktionen, Modelle zum Leben in Kooperation und Rücksicht. Den Garten der verlorenen Möglichkeiten zu betreten, hieße, alle verschwundenen Ideen nur durch Beobachtung wiederzubeleben.
Aussterben bedeutet, dass eine Grenze gezogen wird. Das Ausgestorbene kann ohne Fiktion nicht mehr simuliert werden. Nur das Lebende kann verdoppelt werden.
In einem vorab-simulierten und daher vollständig vorhersehbaren Universum ist das schwerste Verbrechen die vorab-aufgezeichnete Zukunft zu verändern. Captain Mission war dieser Sünde schuldig. Mission drohte zu demonstrieren, dass hunderte Seelen in Harmonie existieren können. Mission drohte zu demonstrieren, dass Menschen mit ihren menschlichen Nachbarn, der Ökosphäre, der Flora und Fauna koexistieren können.
Die Politiker haben versucht, Missions Piratenrepublik ins Aussterben zu treiben. Aber Mission hatte den Garten der verlorenen Möglichkeiten betreten. Er wusste, was es das Aussterben bedeutet. Er hat sein Leben ins Archiv gerettet. Seine Schrift, sein Projekt hat über den Versuch ihn zu löschen, triumphiert. Ich bin Zeuge dieses Lebens.
Im Herbst 2002 fuhren mein Vater und ich von den Seychellen nach Mauritius. Das Thema der Überfahrt war Piratenschiff . Mein Vater kaufte mir ein blaues Paisley-Tuch. Ich habe dieses glarner Tüechli noch. Wir haben es hier, ich habe es Tanita geschenkt. Mein Vater hat mir immer alles gekauft, was ich wollte, nur die Kufiya nicht, bei einem Händler auf dem Parkplatz vor dem Tal der Könige, in Ägypten.
Mein Vater, der immer alles mit aufgerissenen Augen ansieht, liebt die Helligkeit über dem Meer. Und er liebt die Nacht, wie ich. Und er liebt die Schiffe. Nur die Dämmerung mag er nicht.
Die Farbveränderung am Himmel und die verändernde Intensität des Lichts der Dämmerung scheint ein Aktivator der Vögel zu sein. Vögel sind für mich ein Zeichen des Rückzugs der Sprache und des Bewusstseins. Vielleicht war es das, was meinen Vater an der Dämmerung beschäftigt hat, eine Angst vor dem Zurückfallen in die Schwärze und das Unbewusste. Mein Vater ist ein starker Trinker. Er hat mir gesagt, er träume nachts nicht.
Nach ein paar Tagen auf Mauritius fuhren wir nach Sansibar. Ich erinnere eine steile, staubige Straße, die ich heruntergerannt bin und Frauenhände, die meine von der Sonne ausgeblichenen Haare streicheln. Wir teilen die schönsten Erinnerungen an Sansibar. Ich hatte blaue Augen damals, später sind sie grün geworden.
Montesquieu schreibt: « Die ersten Griechen waren Piraten. » Die Welt der griechischen Antike ist aus Fahrten und Kriegen von Seevölkern entstanden. Piraten, Korsaren, Händler, Waljäger und Segler bildeten die Aufbruchskolonne zum Meer, die sich im 16. und 17. Jahrhundert vollzieht, in dem sich der Kapitalismus als erd-umspannendes Informationsnetzwerk zeigt.
Die Disziplinierung an Bord eines Schiffes im 16. und 17. Jahrhundert waren sinnlos und brutal. Die Besatzungen hatten gute Gründe zu rebellieren. Oft verbrüderte sich die Besatzung mit den Sklaven und warf den Kapitän von Bord.
Die Gesetze an Land waren gnadenlos. Eine gemeuterte Crew konnte nicht mehr anlegen. Piraten waren vogelfrei. Sie nahmen dieses Schicksal an. Piraten erklärten Krieg gegen die gesamte Welt. Sie hissten ihre eigene Flagge, oft mit einem Stundenglas, oder mit einem blutenden Herzen, als Zeichen für die erlittenen Demütigungen. Oder mit einem Totenkopf, als Zeichen ihrer Angstlosigkeit. Die Aufklärung wurde in Paris, Edinburgh, Königsberg und Philadelphia aufgeschrieben. Aber ihre Ideen existierten vorher als soziale Experimente, in Hafenstädten, dort wo die lebendigsten synthetischen Gespräche stattfanden und auf Schiffen.
Im Februar 2026 begann ich die Hieroglyphen der zweiten Schrift zu übersetzen. Ab März begann ich mit der Niederschrift der Lebensgeschichte Missions. Ich schrieb alles noch ein Mal auf. Ich ordnete die Hieroglyphen. Ich fiel zurück.
Der Regen hörte auf. Spätnachmittags lief sie hinunter zur Bucht. Sie kniete sich nieder, zwei Ringeltauben saßen in den Ästen. Mission wurde geboren, unter einem tropfenden Baum, im Frühjahr 1666.
Die provenzalische Familie Mission war seit zwei Generationen freie Bauern. Sie handelten mit Weizen und Lavendel. Auf den Ländereien waren die Dolmen von Gaoutabry, einer stonehenge-artigen Steinstruktur. Seine Mutter hatte Missions Schwestern schon hierhergebracht. Missions Mutter war empfänglich für Magie und Geister. Mission zeigte eine unglaubliche Balance. Er machte einen Handstand auf dem 4000 Jahre alten Stein, einen Überschlag auf den Boden. Er sammelte Vogelfedern.
Mission wuchs in den Lavendelfeldern auf, vor den Mahlsteinen, den hölzernen Werkstätten, bei den Töpferinnen und den Parfümherstellerinnen, die auf dem Grundstück der Familie arbeiteten. Mission band die Federn zusammen und trug sie als Kette.
Es war ein klarer Tag, Herbst 1674, gut zum Verbrennen von Grünschnitt. Die Arbeiter verbrannten Äste und Laub und andere Abfälle, die nicht kompostierbar waren. Mission stand an dem großen Feuer, eine Erdkröte kam aus dem Feuer auf ihn zu. Mission nahm sie auf. Er baute der Kröte ein Gehege und kümmerte sich um sie. Er entwickelte ein leises Gurren, das nicht viel mit dem Ruf der Kröte zu tun hatte, aber es funktionierte. Mission gurrte und die Kröte kam zu ihm. Wenn er sie auf den Kopf drehte, schloss sie die Augen. Sie wurde 9 Jahre alt. Mission hatte Alpträume, von Feuern, Wüsten, schlechten Geistern.
Sein Vater war in der Region bekannt für seine Verweigerung, Sklaven zu halten. Hinter einem Lavendelfeld befand sich das Saint Lazare, ein Haus, in dem eine leprakranke Familie lebte. Wenn Mission die Glöckchen hörte, die die Familie klingelte, um vor sich zu warnen, lief er in das Lavendelfeld, um sie zu beobachten. Missions Vater erlaubte der Familie zivile Kleidung zu tragen. Sie mussten nicht die braunen Lazaruskutten tragen. Sie mussten nicht mit dem Stigma des aufgenähten L vor sich warnen. Mission beobachtete mit einer bewussten, freiwillig-eingeschriebenen Ruhe die Familie, wie sie sich bereit machten, um Lebensmittel zu beschaffen. Ihre Fingerkuppen waren abgestorben und ihre Gesichter transformierten sich in Krötengesichter, mit dicken Geschwülsten. So zogen sie klingelnd zu einem Umschlagplatz auf dem Grundstück, wo Missions Vater ihnen Nahrungsmittel bereitstellen ließ. Sie waren krank, nicht von Gott bestraft, sagte sein Vater. Er erklärte: Von Gott bestraft war der Sonnengott. Aber selbst der Sonnengott war ein Mensch.
« Ich würde ihn töten, wenn ich den hässlichen Nichtskönner treffen könnte. »
« Würdest du ihn wirklich töten? »
« Nein, ich glaube nicht. »
Der Sonnenkönig herrschte seit seinem 5. Lebensjahr. Es war seine Zeit, schreibt Mission in seinen Memoiren. Ich versuchte ihn nicht zu sehr zu hassen, um ihm so wenig Zugriff auf mich wie möglich zu geben. Ich versuchte nicht an ihn zu denken. Der Sonnenkönig hatte den Staat auf sich gleichgeschaltet. Er betrieb eine imperiale Expansionspolitik, mit sich selbst als zentrales Baby-Heiligtum. Es herrschte der Krieg. Es herrschte so lange Krieg, man hatte aufgehört, die Kriege zu zählen, zu unterscheiden, die Allianzen zu bewerten oder zu verstehen.
« Er ist im Krieg gestorben. »
« In welchem Krieg? »
« Im Krieg. »
Ab 1680 fuhr Mission mit seinem Vater in einer Kutsche zum Hafen von Toulon. Unter dem Vorwand Zollgeschäfte zu erledigen, traf Missions Vater seine Freunde in dreckigen Hafen-Kneipen. In diesen Räumen versammelten sich hunderte Männer und Jungen, ihre Reisesäcke an die Wand gelehnt, die Dolche und Pistolen auf die Tische gelegt. Sie sprachen über die verschiedenen Geister, die ihn begegneten. Sie sprachen über das Arbatel und andere Zauberbücher, mit denen man versuchte, die Katastrophen abzuwenden, die Toten zu beruhigen, die schlechten Vampire zu bekämpfen, die in Paris und in London lebten und Kinderblut tranken. Missions Vater liebte diese Gespräche, aber er vertraute selbst nur auf die Menschen. Zu sehr, hält Mission in Esprit du hasard fest. Missions Vater trank mit seinen Freunden, den Händlern vom Hafen. Diebe und Schiffsmenschen gehörten zu seinem Kreis.
Im November 1683 war Mission 17, groß und hager. Mein Vater sprach über den Sonnenkönig und den hässlichen Umbau des Schlosses von Versailles. Ich sah in die wütenden Augen seiner Freunde und lief in den dunklen Hafen. Ich hatte begonnen, die Ratten zu füttern. Er nahm von zuhause extra trockenes Brot und alten Schinken mit. Dreihundert Ratten versammelten sich unter ihm und morphten zu einem quiekenden, selbstbewussten Felltepich. Sie erkannten Mission. Er sprach mit ihnen. Mission hatte seinen ersten Gott im Abwasser gefunden, einen Abwasser-Gott, den Ratten-Gott. Sein Gott war etwas Zusammengesetzes. Genauso wie sein Vater, hat er in seinen gesamten Leben nie an die alten, großen, leprösen Götter der Bibel geglaubt. Nicht an Yahwe und nicht an seinen kleinen, lieben Bruder, den lieben Gott, mit seinem zerbrochenen Sohn, der behauptet mit seinen Augen etwas zusammensetzen zu können. Diese Mann-Götter waren in Missions Anschauung zurückgebildet zu ihrer Urpsrungsform. Sie waren nur weltliche Könige. Sein Gott war eine unerkennbare Synthese aus Eiern und Ästen und Exkrementa und Federn und Haare und Blüten und Blut, in denen das Leben wohnt, Kranke, Kröten, Ratten, Vögel.
Als sein Vater mit seinen Freunden aus der Bar kam, konnte Misson in der natur-religiösen Versenkung zwischen Händlern und Dieben nicht unterscheiden. In der Kutsche, fragte Mission, der immer rückwärts fahren wollte, seinen Vater:
« Was ist der Unterschied zwischen Händlern und Dieben, deiner Meinung nach? »
« Piraten sagen: ‹ Wenn du es mit einem kleinen Schiff tust, bist du ein Dieb. Wenn du es mit einer großen Flotte tust, bist du ein Imperator › »
Zurück im Garten, sahen er und sein Vater zum Beteigeuze, ein Stern kurz vor der Supvernova, im Nachthimmel über der Bucht. Vater und Sohn mochten sich sehr.
Monate später, im Frühjahr 1684, lehnte Mission an einen Baum, während sich Georges übergab. Sie hatten zu viel getrunken. Mission sah ihn an, den blonden Jungen, wie er da im neuen, warmen Frühlingswind stand. Der Junge sah Mission, er sah aus wie eine Vogelscheuche.
Misson studierte Logik und Mathematik an der Universität von Angers. Er las die Books of Travels. Er lebte mit einem Medizinstudenten zusammen. Mission wollte zu Georges ziehen, der bei seinen Eltern lebte. Sie ließen es nicht zu. Missions Stimme war entrückt, monoton. Meine Stimme war meine Stimme. Aber sie hat Menschen dazu gebracht, mir zuzuhören. Ich habe sie nie verstellt und ich wüsste nicht, wie.
Mission vermisste Georges. Er wollte mit ihm sprechen. Sie hatten immer zu wenig Zeit. Mission sprach zu seinem Mitbewohner so, als ob er Georges wäre. Mission erklärte seinem Mitbewohner, dass das Leben eine forschende Kraft war, die die Materie belebt, um sich selbst und die ihn umgebenden Sphären zu erforschen.
« Diese Kraft wird uns immer als Gott erscheinen », erklärte Mission: « Sie durchströmt uns, deswegen sind wir nichts und alles. »
Der Medizinstudent, ein feindseliger Mann Gottes, zeigte Mission wegen Gotteslästerung beim Dekan an. Man begann ein ergebnisloses Disziplinarverfahren gegen ihn. Es blieb ergebnislos, weil seine Verteidigung – über die Inexistenz des freien Willens – mit der Prädestination des Augustinus vereinbar war. Die Tiere waren nur ein willenloser Schwarm. Wenn man die Gesetze des Schwarms vollständig verstehen würde, wäre das Verhalten des Schwarms vollständig vorhersehbar. Nur manchmal, erklärte er Mission, kondensierte sich die Geschichte in Momente. In diesen Momenten war die Zeit aus den Angeln gehoben und Veränderung war möglich. In dieser Jetztzeit, so nannte Mission diesen Moment später, musste man sich gegen die passive Kraft, die jeder Aktion einen Widerstand verleiht, wehren, sofort und spontan und intuitiv, dann gab es eine geringe Chance auf Freiheit.
In seiner neuen Wohnung in Angers saß er auf einem Stuhl, in einer schattigen Ecke, ein Buch neben sich. Er genoss die Aufmerksamkeit von Georges und anderer junger Männer und mancher Professoren, die fasziniert-abgestoßen seine Ideen zum Leben und der Geschichte hören wollten. Ich habe mich immer wohlgefühlt, wenn mir Menschen zugehört haben. Ich hatte nie das Bedürfnis mich zu beeilen. Mit Sicherheit habe ich Menschen gelangweilt. Viele fanden ihn lächerlich, das wusste er. Mission wurde paranoid. Er fühlte sich beobachtet. Er versuchte sich selbst zu verstehen. Die Alpträume seiner Kindheit kehrten zurück. Er erlebte eine erste Phase von Opiumabhängigkeit, in der er die zeit-verändernden Qualitäten von Drogen entdeckte und in Ruhe schlief. Die Abhängigkeit und seine Ideen begannen ihn zu verändern. Er wusch sich nicht. Man bot ihm eine kleine Stelle an der Universität an, wahrscheinlich um mich zu kontrollieren. Alles in ihm zog ihn zu den Ratten. Mission hoffte, dass ihn das Meer, das er mit Ratten in Verbindung brachte, aus der Lethargie der Gedanken reißen würde. Er verließ Angers nach zwei Jahren und kehrte zu seinen Eltern zurück.
1687 organisierte Missions Vater ihm einen Platz auf einem Schiff eines Cousins, nicht ohne Unwillen. Es gab Ende des 17. Jahrhundert eine weitverbreitete Sorge um eine naive und reisesüchtige Jugend. Mission war 21 Jahre alt. Missions Vater respektierte seine Entscheidung nach Rom zu wollen. Er hätte Mission niemals einen ehrlichen Wunsch verweigert. Heimlich glaubte mein Vater an die Verwurzelung. Öffentlich glaubte er an die unsichtbare Hand des Marktes, die seine Familie von der Leibeigenschaft bis an die Universität von Angers geführt hatten. Missions Vater wusste nicht, wie viele Probleme, er dort hatte. Missions Vater sah auch keinen Funken der Begabung, die manche in Mission sahen. Er liebte seinen Sohn. Wenn man jemanden liebt, sieht man keine Funken. Man sieht Ruhe und Standhaftigkeit. Wenn man jemanden liebt, dann vertraut man auf die Liebe.
Dreißig Kanonen hatte die Victoire. Sie war Teil einer Handelsflotte zwischen Marseille und Neapel. In Marseille, wenn sie die Victoire seeklar machten, lief Mission in die Stadt. Die Plätze waren voller Obdachloser. Die Heimatlosigkeit ist das Schicksal des Lebens, schreibt Mission. Die Migration und das Exil ist die Erfahrung der Menschen überhaupt, erkannte er. Menschen wurden aus vielen Gründen vertrieben, Mission hatte aufgehört zu unterscheiden, das hatte er gelernt. Er hörte auf, irgendeinen Sinn in der Unterscheidung zu sehen, zwischen den verschiedenen Sekten und Abtrünnigen, die um Aufnahme auf irgendein Schiff bettelten, um nach Amerika oder Nord-Afrika zu kommen. Morgens auf der Victoire, unter der stechenden Sonne war sein Hass auf den Sonnenkönig greller als die Sonne selbst. Er sah über die gleißenden Reflexionen auf dem blauen Meer. Der Wind konnte ihn beruhigen, Salz auf seiner Haut.
Mission begann auf der Victoire eine 2-jährige Ausbildung zum Schreiner. Er lernte das Leben auf dem Meer kennen. Er lernte die repetitive Arbeit lieben, den gedörrten Fisch, den Hühnerstall unter Deck, den weiten blauen Himmel, das Wiegen unter den Sternen. Jedes Mal, wenn die Victoire zurück nach Marseille kam, wartete sein Vater schon auf ihn und sie gingen Essen. Zum Abschied gab er ihm Geld, mehr als das Salär eines Bootsschreiner. Mission benutzte das Geld, um die Bootsmeister zu bezahlen, die ihn dann in die Geheimnisse eines Schiffes einwiesen. Er verbrachte viel Zeit mit diesen alten Männern.
Mission verließ im September 1689 die Victoire in Neapel. Er kleidete sich im Hafen ein, ließ sich einen schwarzen Anzug schneidern, ohne Kragen und ohne Schleifen und einen Filzhut machen, mit einer Fasanenfeder, und kaufte einen weiten, roten Umhang a la Balagny, über die Schulter geworfen. Dieses schwarz-rote, strenge Outfit stand ganz im Gegensatz zu der bunten und lächerlichen Mode, an der man die Anhänger des Sonnnenkönigs erkannte. Mission trug diesen italienischen Anzug für den Rest seines Lebens. Auf der gesamten Erde ließ er sich diese Teile nachschneidern, wenn sie unreparierbar-verschlissen waren. Er trug keine Perücke. Er trug die schwarzen Haare lang und einen Schnurrbart, der 1689 noch dünn war. Er war höflich zu allen Menschen. Er hörte zu, auch wenn er das Interesse schon verloren hatte. Er sprach französisch, italienisch, etwas deutsch und etwas englisch. In ihm gab es das Bedürfnis – oder war es ein Trick? – nicht aufzufallen und gleichzeitig seine Ablehnung gegenüber dem Sonnenkönig ununterbrochen auszudrücken. Mission sendete andauernd Mikro-Signale, um das verhängisvolle Kontrollsystem, Zensur-System, Vertreibungssystem der Religionswächter und Denuzianten und der anderen Büttel, zu untergraben.
Er trat die Reise von Neapel nach Rom im Herbst an. Der Sommer war verregnet gewesen, bald war es in Latium zu Überschwemmungen gekommen. Mission reiste tagsüber zu Fuß, nachts war es zu gefährlich. Die Korruption und Misswirtschaft des Kirchenstaats hatte die Bauern, gefesselt in den Kirchen-Latifundien, verarmen lassen, in der Campagna arbeiteten zu wenig Bauern, unter zu schlechten Bedingungen auf zu großen Ländereien, unter zu viel Forderungen. So wurden die Bauern zu Dieben, die in den römischen Tempelruinen ihre Zeltstätte errichtet hatten. Mission schlief in Kirchen und in offenen Schuppen. Nach vier Tagen trank ich in der Nähe die beste Ziegenmilch meines Lebens, die mir ein armer Bauer der Borgheses gab. Ein paar Tage später erkrankte er in den sumpfigen Ebenen der Campagna an Malaria. Er erreichte mit schwerem Fieber ein Jesuiten-Kloster, fünfzig Kilometer vor Rom. Er schwitzte nicht, warum die Mönche ihn zu Beginn für einen Hexer hielten und die Behandlung verschleppten. Nach zwei, geplagten Nächten wurde Mission bewusstlos und begann zu schwitzen.
Im Fieber reiste ich in eine Stadt, die Waghdas hieß, mit roten Backsteinhäusern, von der ich wusste, dass sie die Stadt allen Wissens ist, in der alles erlaubt ist, weil alles verstanden wurde. Aber sie lag in einer Choleraepidemie, in den Gärten und unter den Bäumen lagen Kranke in ihren wässrigen Exkremten. Ich konnte die Bibliothek und die Tempel nicht erreichen. Ich kam an den Elenden nicht vorbei. Ich war nicht fähig, mich niederzulassen und irrte in Schleifen umher.
Die Jesuiten schröpften Mission. Sie ritzten die Haut an, bevor sie die Schröpfgläser aufsetzten. Beim Wegschütten seines Blutes zweifelten sie, ob sie den jungen Mann retten könnten. Der Abt entschied an Mission eine teure, unerprobte, experimentelle Arznei auszuprobieren, China-Rinde, neu importiert aus Zentral-Amerika. Mission wurde gelb, seine Leber versagte. Er überlebte. Er lag zwei Wochen bewusstlos im Krankensaal des Klosters.
Mission nahm die leeren Betten um sich herum wahr, die sich auf die nächsten Epidemien vorzubereiten schienen, die die vielen Betten für neue Menschen, heimgesucht. Als Mission die gelben Augen für eine Minute aufhalten konnte, sah er einen Mönch:
« Ich dachte, Sie seien gestorben. »
Ich erreichte Rom im Oktober 1689.
Rom war eine kranke Stadt, mit engen, schmutzigen Straßen, in denen verlorene Pilger herumwandelten, die zu monumentalen Plätzen führten, auf denen Vatikangardisten die Menschen in rechtwinklige Anordnungen prügelten. Der Sonnenkönig versuchte den Papst mit den gallikanischen Artikeln zu unterwerfen. Der Papst gab nicht nach. Die französische Botschaft, bei der sich Mission meldete, war ein festungsartiger Mikro-Stadtstaat innerhalb Roms. Der Karneval war erlaubt. Schafsherden wurden über das Forum Romanum getrieben.
Auch im Winter hielt sich der Regen in Rom. Mission sah sein Spiegelbild im Wasser der schmutzigen Brunnen, wich den Prozessionen aus, angeführt von Wahnsinnigen mit dampfenden Weihrauchlaternen. Die Kirche konnte die Friktionen und Konflikte, den Schmerz, die Krankheiten, die Hungersnöte, den Krieg, das Alte und den Tod nicht mehr zusammenhalten. Nachts lag Mission in seinem Dachzimmer und hörte Schreien und Gelächter.
Sein Zimmer lag in der Nähe des Colloseums. Er ging oft in die Ruine, die als Steinbruch diente. Unkraut wuchs in den Mauerspalten. In den Unterkellerungen und in der Arena lebte eine große Sinti-Familie. Mission sah den Frauen beim Korbflechten zu, und abends trank er mit den Männern, die Geigenvirtuosen waren. An einem Tag im Dezember kamen Gardisten und die Sinti packten ihre Sachen in die Körbe, als hätten sie sie für genau diesen Moment geflochten, banden die Körbe auf die Tiere und zogen weiter. Mir fällt auf, wie oft Mission das Wort Moment benutzt. Mission begleitete die Familie bis zu den Stadttoren. Aus den Fenstern bewarfen die Römer sie mit Fischabfällen. Die Katzen nahmen die Fischköpfe ins Maul und rannten stolz weg, als hätten sie sie selbst erlegt.
In der vatikanischen Bibliothek suchte er Beweise für Waghdas, die Stadt, die er im Fiebertraum gesehen hatte, aber er fand nichts. Flashbacks kamen, Erinnerungen, weite Gebiete hinter dem Tod, die erschaffen, entdeckt, verzeichnet und geöffnet werden mussten.
In Rom las er auch Johannes Duns Scotus, einen Franziskaner, ein Modallogiker, der die Konzepte der Haecceitas und der Einstimmigkeit vorschlug. Die Haecceitas ist die spezifische Ausdifferenziertheit des Einzelnen, seine Einzigartigkeit unter den Gleichberechtigten. Die Einstimmigkeit ist das Konzept, dass all diese Einzelteile an einer göttlichen Einheit teilnehmen. Wasser, Bäume und Tiere klingen hierarchielos und gleichberechtigt in einer Frequenz, nehmen an einem sich immer-verändernden Prozess teil, der sich zusammenfaltet, auseinanderfalten, wieder neu faltet. Auf Abbildungen trug Scotus einen gemütlichen, konischen Hut, den Mission bei keinem Hutmacher in Rom fand. Scotus beeinflusste Mission sehr.
Mission las die steganographischen Arbeiten von Francis Bacon, in dem Bacon ein System entwickelt hatte, um die Buchstaben des Alphabets in binären Code zu verwandeln.
Ich verstand, dass jeder Mensch seine eigene Zeit hat. Durch Schrift und Worte sind wir dazu in der Lage, uns außerhalb unseren Umfelds zugänglich zu machen. Schreiben ist in die Zukunft und zu den Fremden gerichtet. Ich verstehe, warum Paracelsus den Menschen als zeitbindendes Wesen bezeichnet hat. In einer Neuerscheinung des Deutschen Leibniz über die Dyadik, wurde mir klar, dass letztlich alles in Zeichen ausdrückbar sein wird.
Mission las das Picatrix, eine arabische Kompliation aus Texten zur Magie, Astrologie und Talismankunde. Und er las Trithemius’ Steganographia, ein noch früherer Text über die Wissenschaft der Speicherung von Information.
Ich erschrak über Trithemius’ und Bacons Arbeiten. Wenn wir das Leben vollständig verstanden hätten, könnten Apparate gebaut werden, die alles in Zeichen verdoppeln. Jedes noch so geringe Ereignis wäre in diesem riesigen Zeichentext vorauszusagen, man müsste nur nach vorne schlagen. Man würde bestraft werden, bevor man die Tat begangen hatte.
Missions Alpträume kehrten zurück. Zerbrochene Geister von winselnden Kinder liefen durch seine Träume. Lass mich raus. Lass mich raus. Ich kann diese Jungen-Bilder auch im Wachen hören. Jungen, die in mir schreien, Jungen, die den Blick abwenden, wenn ich versuche sie, zu fragen, woher sie kommen oder wohin sie wollen. Jungen auf grauen Straßen, die schreien: « Ich halte das nicht mehr aus . »
An einem ersten warmen Abend im April 1690 flüsterte sein Vermieter im Treppenhaus und fragte ihn, ob er ein calvinistischer Landarzt sei.
« Wie kommen Sie darauf? »
« Man hat mich gefragt. Sie werden verfolgt. »
Mission verstand, dass er nicht paranoid gewesen war. Immer wieder hatte er an der Bibliothek einen Mann gesehen, der ihn zu beobachten schien. Tatsächlich hatte die Vatikan-Verwaltung einen Gardisten in Zivil auf ihn angesetzt. Mission wurde verdächtig, ein Protestant zu sein, der die Archive des Vatikans ausspionierte. Unter jungen Menschen war diese Unterstellung bekannt. Es herrschte eine Kultur des Verdachts und der Verfolgung. Mission wusste, dass er regelmäßig zur Messe gehen, bei der Wandlung knien, vielleicht zur Beichte gehen müsste, davon würde der Gardist überzeugt sein. Es war so dumm.
In der Nähe des Colloseums gab es ein Kloster. Mission hatte öfters einen jungen Dominikaner gesehen, der an der Klostermauer lehnte und eine Holz-Pfeife rauchte. Der Junge war rotblond, sein Gesicht war rundlich, mit ein paar Sommersproßen. Er war manchmal etwas pink um den Ohren und der Nase, als habe er sich zu viel gewaschen. Mission hatte noch nie jemanden gesehen, der so sauber war, wie er. Mit seinen runden Augen und seinen weichen, roten Haaren erinnerte er ihn an einen jungen Vogel. Mission achtete darauf, dass er von dem Gardisten beschattet wurde, dann folgte er dem Mönchsjungen in die Klosterkirche und bat ihn, die Beichte abzunehmen.
« Ich habe gesündigt », log Mission im Beichtstuhl.
« Ich vergebe dir, egal, was du getan hast. Es macht keinen Sinn. Es ist mir egal », sagte eine gläserne und klare Stimme, ganz anders, als Mission sie sich vorgestellt hatte.
« Aber Bruder? »
« Du bist Franzose? Was machst du in Rom? »
« Ich besuche die Bibliothek. »
« Im Sala Regia des Vatikanpalasts ist ein Fresko von Vasari, dass das Massaker an den Hugenotten in Paris, in allem Stolz, zeigt. Ich habe es gesehen. »
« Ich werde verfolgt. »
« Von Gardisten? Ich versichere ihnen, dass du den lieben Papst anbetest. »
« Was willst du dafür? »
« Nichts? »
« Nein, nichts. »
« Was rauchst du da draußen? »
« Tabak, nur Tabak. »
« Ich habe noch nie Tabak geraucht. »
« Ich heiße Caraccioli. », sagte Caraccioli.
Caraccioli war in Tirol geboren, aber in Venetien als Sohn eines Artischockengärtners auf dem Gut eines Adeligen aufgewachsen. Wie Mission durchblickte Caraccioli die Rituale der verschiedenen Stände. Wie Mission, war es für Caraccioli einfach mit Kirchenmännern und Bauernmädchen und Dieben und Adeligen zu sprechen. Wie für Mission war er irritiert von der Unhöflichkeit der neureichen Bankiers, Juristen, Künstler, Bauunternehmer, eine Unhöflichkeit, die deprimierend war. Diese Unhöflichkeit beruhte auf einer tiefen Unkenntnis von guten Umgangsformen und auf der Annahme, dass alle Menschen für soziale Zwecke mehr oder weniger gleich und austauschbar waren. Caraccioli und Mission waren sich einig, dass der neue Bürgerstand, der auf Besitz schwor, sich als letztes vom Sonnenkönig befreien würde. Ihr stabiles Leben war nur lebbar, wenn man sich mit dem System des Sonnenkönigs arrangierte. Das war ihr erstes Gespräch, während sie rauchten und zum Capitol liefen.
Sie sprachen über die unkontrollierte Expansionspolitik und die neue Mode des Sonnenkönigs.
« Alles untersteht seiner Gier. »
« Nicht das kleinste Geräusch im Umkreis von hundert Kilometern entgeht seiner Gier. »
Im Tabakrausch, oben auf dem Kapitolhügel, sahen Mission und Caraccioli das Netz unsichtbarer Fäden, die jedes Haar mit dem Sonnenkönig verbanden und dem König ermöglichten, über die geheimsten Gedanken aller Europäer zu wachen.
Mission bezahlte einen Schneider, um Caraccioli neue Kleider zu besorgen. Mission saß auf dem Schneiderschemel und kämmte seine schwarzen Haare. Caraccioli warf die schwarze Dominikanerkutte auf den Boden und stellte sich nackt darauf. Mission wusste, dass es beim Sex nicht um Liebe ging, sondern um Anerkennung. Mission hatte, während der Schneider Maßbänder an Caraccioli anlegte, das Bedürfnis mit allen Menschen der Welt zu schlafen, dann vergaß er es wieder. Mission suchte Anerkennung. Er wusste, dass das ein Fehler war. Caraccioli bekam eine enge, gelbe Hose, an dem sich seine Oberschenkel abzeichneten, ein weißes Hemd, eine grüne Weste, einen einfachen grauen Mantel aus Filz, sehr spanisch.
Caraccioli zog bei Mission ins Dachzimmer. Nach anfänglichem Zögern akzeptierte Caraccioli die Tatsache, dass Mission Interesse an ihm hatte. Sie sprachen und manchmal hatten sie eine Art Sex. Nach einer Zeit, akzeptierte Mission, dass Caraccioli asexuell war.
« Warum bist du dann Mönch geworden? », fragte Mission ungläubig.
« Ich habe wirklich an Gott gelaubt », sagte Caraccioli.
Mission besuchte den warmen Herbst und den Vorwinter über die Bibliothek. Abends betrank er sich mit Caraccioli in seltsamen Clubs, in denen Wildschweinköpfe an den Wänden hingen und ausgestopfte Wölfinnen herumstanden, mit Schläuchen versehen, so, dass man aus den Zitzen den Wein zapfte und Musik auf unwirklichen, neuen, deutschen Musikinstrumenten gespielt wurde. Caraccioli hatte mit seinem Austritt den Abt als Garanten verloren, seine Aufenthaltsgenehmigung war verwirkt. Wir entwickelten einen Plan, Rom zu verlassen.
Anfang 1691 reisten sie gemeinsam zurück an die Küste. Sie kamen wieder durch den Sumpf der Kampagne, der im Januar kalt und still war, wieder in die Wälder Latiums, jetzt einige abgeholzt. Es wurde kalt. Einen ganzen Tag liefen sie durch Felder toter Stümpfe. In Bomarzo besuchten sie den Heiligen Wald, einen hundert Jahren zuvor aufgegebenen Skulpturenpark. Orsini, ein Land-Reformer, der das Lehenswesen in Viterbo aufgehoben und den Vergügungspark aufgebaut hatte, war eine Legende für junge Menschen aus der Gegenbewegung wie Mission. Mündlich und in kleinen Heften, die man nach dem Lesen verbrannte, überlieferte man sich Erzählungen von Orsini und seiner Frau Giulia Farnese. Mission erzählte, wie Orsini und Farnese sich als Affen-Menschen verkleideten, weil sie überzeugt waren, die Affen und wir seien eins. Er erzählte, wie das Ehepaar im Bilsenkraut-Rausch, verkleidet als Prinz Astolfo und Zauberin Angelika, entlang der Skulpturen irrten, gemeinsam auf den Wiesen masturbierten. Wenn sie wieder nüchtern waren, aßen sie mit ihren Freundinnen in der Mundhöhle des Orkus, seine Zähne waren Hocker, seine Zunge der Tisch, gegrillte Fische. Aufgegeilt von den Geschichten über Orsini begann Caraccioli seine Hose aufzumachen und erlaubte Mission seinen Penis zu berühren, zwei kleine, schnellschlagende Herzen in einem verwilderten Park.
In Neapel gingen Mission und Caraccioli gemeinsam auf die Victoire. Mission begrüßte seinen Cousin und die Bootsmeister und die Ratten, deren Nachkommen ihn erkannten. Caraccioli konnte nicht glauben, was er sah, hundert Ratten, die mich in einem perfekten Kreis umschwärmten. Ich musste lachen. Caraccioli ertrug die Hände der Männer, die gedrängte Enge und brütende Hitze der fensterlosen Mannschaftsräume. Er ertrug das dunkle Unterdeck, zusammengepfercht mit Schweinen, Ziegen, Gänsen und Hühnern im Laderaum oder zwischen den Geschützlafetten in den Kanonendecks. Er ertrug es als Ausgleich für den Aufbruch. Er bewunderte das Aushaltevermögen Missions, der sich mit seinen langen spinnenartigen Gliedern, bei starkem Seegang in eine hölzerne Ecke klemmte, und durch seine langen Haare lächelte, als sei es nichts.
Caraccioli gab das Rasieren auf, und nach ein paar Wochen mit einem neuen, roten Bart war er völlig in die Mannschaft integriert. Mission sagte ihm:
« Ich respektiere, dass du deine übermäßige Sauberkeit und Ordentlichkeit abgelegt hast, um so zu werden, wie die anderen. »
« Danke, danke, danke. Brauchen wir unbedingt ein Schwein an Bord? »
« Es ist die Sau des Bootsmeisters. Er verkauft es in Marseille. Wir fahren ohne Schwein zurück. »
Bald erkannte Caraccioli in der weiteren Weite des Meeres die Täler und Berge Tirols. Er sah ein, dass Mission Recht hatte, dass in dem Leerraum des Meeres der Anfang sichtbar war und so alles andere.
Nach zwei Tagen auf dem Meer sahen sie eine Flagge mit drei Monden, ein Schiff der Mujahedeen aus Tunis. Muslimische Korsaren kaperten Schiffe, verschleppten und versklavten Europäer von Algier, Tunis, Tripolis und Salé aus. Missions Cousin geriet in Panik. Die Victoire drehte ab, die Mujahedeen verfolgten sie für zwei Tage. Am dritten Tag waren sie sich so nah, dass Mission die Korsaren bei ihren Gebeten mit den wehenden schwarz-weißen Schals sehen konnte. Sie trafen die Victoire mit einigen Kugeln. Zehn Mujahedeen schafften es, die Victoire zu erreichen. Ein Kampf brach aus. Caraccioli wurde von einem Pistolenschuss in den Oberschenkel getroffen. Zwei Männer zogen ihn unter Deck, brachten ihn zum Schiffschirurgen, der ihm die Arterie im Bein ineinandernähte.
Misson verfolgte einen Mujahedeen mit einem brennenden Streichholz, tief ins Schiff, tief ins Magazin. Mission nahm eine Eisenstange und schlug ihn nieder, kurz bevor er das Pulver entzünden konnte, bevor er sich und die Victoire in die Luft gesprengt hätte.
Wie ist es jemanden zu erschlagen? Die Stange vibriert nicht, sie schlägt den Schädel durch. Die Platten auf dem Kopf geben nach, die Tektonik wird zerstört. Ich sah ein umgekipptes Glas, das auf dem Boden rollte. Der gebrochene Schädelknochen drückte auf Areale des Gehirns. Der Muhajedeen hatte mit dem Schlag alles vergessen, er war von seiner Biographie befreit. Er blutete aus dem Kopf, aus den Augen und aus dem Mund. Mission drehte den steifen Körper um und band ihm die Kuffiyeh um den Kopf.
« Mektoub », sagte der Muhajedeen: „Du wirst scheitern“.
« Ich weiß », sagte Mission: « Du wirst sterben. »
« Ich weiß », sagte der Muhajedeen: « Du auch. »
Hat einer von euch schon einmal in die Augen eines anderen Menschen geblickt, der auf dem Boden liegt und weiß, dass er bald sterben wird, obwohl es ihm niemand gesagt hat? Ich habe diese Menschen gesehen, Kranke. Sie wissen, dass sie sterben, aber ein Lebenswille, eine Hoffnung überzeugt sie, dass es weitergehen wird, weil sie niemand von dem Gegenteil überzeugt hat. Der Körper überzeugt den Sterbenden vom Leben. Ich wollte nicht, dass der Muhajedeen von der Leere dieser Hoffnung durchbohrt wird. Ich wollte, dass er weiß, was passiert. Ich habe bis heute sehr oft an ihn gedacht.
Mission stand, tief im Schiff, unter dem Meeresspiegel, über dem Toten. Als er die Leiter nach oben nahn, hörte Mission Caraccioli schreien. Er lief den wankenden Gang, dort war das Chirurgen-Zimmer, neben der Küche, hier gab es Alkohol und heißes Wassers. Die Decke, die Wände, die Geräte, Caracciolis Blut war überall, es war bis zum Türrahmen gelaufen.
« Stirbt er? »
« Ich weiß nicht, was er hat », schrie der Arzt.
« Ich sterbe. »
« Er wird überleben », sagte der Arzt: « Wenn er noch so viel Kraft zum Schreien hat. »
Der alte, blutverschmierte Chirurg schleudert Caraccioli mit einem heftigen Ruck vom Operationstisch.
« Heb deine Sachen auf und geh. »
Mission legte Caracciolis Arm um die Schulter, hielt ihn festumklammert und brachte ihn aus dem Raum. Vielleicht war er verstört von dem Anblick seines eigenen Blutes. Sofort als wir das Chirurgen-Zimmer verlassen hatten, wurde Caraccioli ruhig und seine Atmung normalisierte sich. Ich saß bei ihm, nachdem ich ihn in seine Hängematte gelegt hatte. Ich hielt seine Hand und versuchte Flüsse meines Lebenswillens in ihm zu übetragen. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich den einen von seinem Tod und den anderen vom seinem Leben überzeugt. Dann schlief er ein.
Mission ging an Deck, Rauch stand hier. Mission sah die Leichen. Alle waren tot, die Muhajedeen hatten die gesamte Crew der Victoire ausgelöscht und die Crew hatte die zehn Muhajedeen getötet. Mission sah am Horizont das Schiff der Muhajedeen abdrehen. Zehn Ratten begleiteten Mission, der die Leichen ins Segeltuch wickelte. Der Chirurg nähte die Säcke zu.
Mission, Caraccioli und der Chirurg schafften die Victoire zurück nach Marseille. Über dem Hafen leuchtete ein schönes Morgenrot. Der Chirurg verabschiedete sich in den Ruhestand. Mission und Caraccioli reisten zu Missions Eltern. Missions Vater ließ sie zur Erholung helle Leinenkleider tragen. Missions Vater ließ verschiedene Ärzte zu ihnen kommen, sogar Pierre Dionis von der Sorbonne, der die Säftelehre ablehnte und den Körper als Maschine begriff. Mission hörte unmenschliche Stimmen, Geister ferner Sterne. Sie blieben über fast ein Jahr, engelhafte, junge Männer. Sie aßen Früchte und Fisch. Sie waren 26 Jahre alt, März 1692.
Als Caraccioli wieder gehen konnte, zeigte Mission ihm die Gräber von Gaoutabry. Mission saß auf einem Megalith und sah hinab zu Caraccioli, auf einer Decke am Boden.
« Dass wir überlebt haben? War das Zufall? Der Geist des Zufalls? », fragte Mission.
« Ich weiß es nicht. »
« Was ist der Zufall, Caraccioli? », fragte Mission.
« Alles ist vorherbestimmt », sagte Caraccioli und verschrenkte die Hände hinter dem Kopf.
« Von wem? »
« Alles ist geschrieben, aber unendlich oft. »
« Vielleicht ist der Zufall ein Sprung von der einen Geschichte in die andere », dachte Mission weiter: « eigentlich sollten wir tot sein, und vergessen. »
« Ich will zurück aufs Meer », sagte Caraccioli: « Ich habe den Eindruck, mein Bein hat auf dem harten Boden keinen guten Stand. »
Ende März sahen sie in Marseille eine öffentliche Huldigung für den Sonnenkönig. Fast die ganze Stadt hatte sich in einer Parade für den Sonnenkönig bereitgemacht: Vive le Roi!, schrie die Menge, Magistrate knieten vor königlichen Vertretern, sprachen Treuegelübde, überalle wehte die Fahne mit dem Emblem der Sonne. Wir wussten, dass dieses Massenritual völlig wahnsinnig war. Caraccioli dachte das Gleiche wie ich: Wie kommen wir nur weit genug von diesen Wahnsinnigen weg? Aber solche Gedanken sprach man nicht aus. Königstreue riechen immer und bei jedem Defätismus und Illoyalität. Caraccioli und mein Blick trafen sich. Zuhause erzählte uns mein Vater, dass der entscheidende Moment für den Sonnenkult das Ballet de la Nuit gewesen war, in dem der junge König selbst die Rolle des Sonnengottes Apollo getanzt hatte, der am Ende der Nacht erschien und die Ordnung brachte. Mein Vater unterstützte inzwischen sogar mein Vorhaben Frankreich zu verlassen.
Anfang April hörte Mission, dass die Triumph nach Martinique fahren würde, beladen mit Waren und ausgestattet mit einem Mandat zur Ausbeutung der Neuen Welt. Mission und Caraccioli hatten als Überlebende der Victoire einen guten Ruf im Hafen. Der Kapitän der Triumph war ein schrecklicher Mensch. Er akzeptierte Missions Ausbildung als Bootsschreiner nicht. Sie heuerten als Matrosen an. Die Arbeit war hart und wurde ohne die Freude durchgeführt, die Mission von der Victoire kannte.
Nach zwei ruhigen Wochen erreichte die Triumph die Straße von Gibraltar. Die Royal Navy organisierte die Durchfahrt, wegen bürokratischer Übertreibung der Engländer stauten sich die Schiffe. Die Meere der Neuzeit waren kein rechtsfreier Raum. Die Meere waren in klar umrissene, stark umkämpfte Hoheitsgebiete eingeteilt. Es herrschte Seerecht, hier herrschte das Seerecht der Engländer. Ein Schiff des Customs Officers ging längsseits an das andere und kontrolliert.
Mission stand an der Reling und sah die anderen Schiffe, die nah an ihnen passierten. Schiffe mit Sklaven aus Afrika, die zur Erbauung amerikanischer Städte verschifft wurden. Ihnen entgegen, die Gesichter anderer Sklaven, alte Gesichter, Menschen, angekettet aus den Amerikas und entrissen aus ihren Ländereien im Gemeinbesitz. Mission verließ seinen Raum der Gleichzeitigkeit, den des Jahres 1692. Er sah alles was hier jemals geschehen war. In den Augen der Menschen sah er die gesamte Spezies. Er sah in die Zukunft, und sogar, viel schwieriger, in die Vergangenheit. Er sah die Toten wiederauferstehen. Er sah Geschlagene gekrönt werden. Er sah die Ordnung der Neuzeit. Er sah ein, dass die Europäer nicht nur die Völker dieser Erde enterbten, sondern sich selbst enterbten. Er sah ein Schiff, beladen mit Kakao und Zucker und einer wahnsinnigen Crew.
Seine Wahrnehmung war offen. Die Erwartungen an die Gesetze so niedrig und seine Skepsis gegenüber den Worten so groß, dass er viel mehr sehen konnte. Missions gesamtes Leben war eine Öffnung seiner Wahrnehmung. Er machte sich immer freier, Welle nach Welle. Mission spürte keine Aufregung, keine Anstrengung, für ihn war es wie eine Meditation, zwischen Wach-Sein und Schlafen. Das Sehen war leicht. Die Konsequenzen, die er zog, waren klar.
Mission sah die ganzen, waghalisgen Unternehmungen seines 17. Jahrhunderts, das er persönlich beenden würde, das die Rückstände des Mittelalters abstreifen würde. Welle nach Welle. Er sah Öltanker aus Venezuela, bewacht von russischen Kriegsschiffen. Schwerbeladene Schiffe mit Coltan und Tantalit aus dem Kongo, die nach Boston fahren, für amerikanische Geheimwaffenprojekte. Containerschiffe, in denen ganze Hausbestände, Messer, Porzelan, Silber-Löffel geladen waren, von Menschen auf der Flucht vor deutschen Sektenführer nach Amerika. Schiffe mit Gummireifen. Containerschiffe, in denen ganze Hausbestände, Messer, LCD-TVs, Silber-Löffel geladen waren, von Menschen auf der Flucht vor amerikanischen Sektenführer nach Deutschland. Die Gorch Fock, auf der die Offizieranwärterin Sarah Seele von einem Segelmast auf das Deck stürzt und stirbt. Die RMS Lusitana, TS Nea Hellas, die SS Neptunia, die SS Europa, SS Rex, SY A.
« Ist er stumm? »
Mission drehte sich zur Seite. Caraccioli stand da mit einem englischen Zöllner.
« Mission, dein Reisebrief. » Mission übergab den Ausweis dem Zöllner.
Die Triumph passierte die Meerenge am 11. Mai 1692. Sie erreichten Santa Cruz, Teneriffa, eine Woche später. Der Hafen von Santa Cruz war vollständig zur Versorgung transatlantischer Schiffe ausgelegt.
Der konstanter Wind des Nordost-Passats trieb die Triumph auf langen, gleichmäßigen Wellen nach Westen. Der Anblick des Atlantiks erschütterte Mission und Caraccioli, sie waren eine Miniatur in der Zeit, simpel und einzigartig. Das war Haecceitas und Einstimmigkeit. Ich konnte nicht glauben, dass wir den Wind und die Wellen nutzbar gemacht hatten. Trotz unseres Kapitäns mussten Caraccioli und ich häufig vor Freude lachen.
Der Bootsmann weckte die Matrosen früh. Dann wurde sich mit Seewasser gewaschen, Schuhe und Taue bereitgemacht. Dann wurden Segel gesetzt oder angepasst. Dann wurde das Deck geschrubbt, Seetang, Salz und Schmutz entfernt. Dann wurde gefrühstückt, Biskuitbrot, Salzfleisch, Trockenfisch, verdünnter Wein. Dann, wer will Morgen-Gebet. Mission und Caraccioli beteten nicht. Dann wurden Taue geflickt, Taue gesäubert, Schote geölt, Mittagspause, verdünnter Wein, Salzfleisch, Trockenfisch. Dann wurden Segel ausgerichtet, Takelage gewartet, Deck geschrubbt, Hühner und Tauben gefüttert. Dann Salzfleisch, Trockenfisch, Schnaps, Segel sichern, Abendgebet ohne Caraccioli und Mission, schlafen. Die Stürme waren existenziell, aber erträglich. Die Squalls, schockartige Windstöße waren verstörend. Manchmal war es nicht ganz einfach, die Ruhe zu bewahren, wenn wir das Schiff auf die Wellen stellten. Die Hängematten wankten in der Nacht.
Die Fahrt war geprägt von langen Gesprächen über Religion und den Zufall. Caraccioli glaubte, wie ich, in ein göttliches Wesen, aber er sah in Religionen nichts anderes als Politik. Caraccioli bewies mir, dass das Gesetz Mose nichts weiter als das war, was für den Erhalt und die Regierung notwendig war. Der Mensch war als Freier geboren und hatte genauso viel Recht auf das, was ihn ernähren würde, wie auf die Luft, die er einatmete.
Bei den langen Diskussionen, die bei gutem Wetter auf Deck stattfanden, bei Sturm im Matrosenraum, kamen immer mehr aus der Mannschaft dazu. Mission und Caraccioli bemerkten dieses Interesse und begannen mit täglichen Bildungsseminaren, in denen sie gegenwärtige Diskurse zur Debatte stellten. Manchmal kam der Kapitän und schrie herum, man solle mit der Arbeit beginnen, es würde zu wenig gearbeitet, wenn sie nicht mehr arbeiten würden, würden sie alle sterben. Ein Mal kam er mit einer Peitsche auf Deck, während die Mannschaft gerade den Leviathan bei Hobbes diskutierte. Ein junger Maat ging auf den Kapitän zu, nahm ihm die Peitsche aus der Hand und warf sie über Bord. Die Gesichter der Mannschaft blieben ruhig und ratlos, keine Anzeichen von Gewalt.
Auf der Triumph waren vierzehn Bantu-Sklaven. Mission hatte sich in einen von ihnen, einen jungen Mann namens Ade verliebt. Ade besitzt eine psychologische Intensität und eine körperliche Ausstrahlung, die ihn als Kriminellen, korrupten Torwächter oder gebrochenen Soldaten erscheinen lässt. Mission strebte eine tabulose Beziehung an. Mission zeigte sich sehr verwundbar. Ade erwiderte die Annäherungen und die beiden entwickelten eine komplexe Partnerschaft, in der es nicht darum ging, dass der eine den anderen dominierte, keine Anerkennung, keine Invasion, kein Usurpieren des männlichen Status des anderen, sondern Vereinigung.
Mission erzählte Caraccioli ausführlich von diesen Versuchen und, dass Ade beschnitten war. Caraccioli thematisierte das in dem nächsten gemeinsamen Seminar mit der Mannschaft, um noch mal die Gleichheit aller Menschen zu beweisen. Die Bantu würden Initationen der Juden und Moselms nicht kennen, doch beschnitten sie ihre Kinder.
« Ohne Zweifel tun sie das, weil sie in der südlichen Klimazone lebten, da die Vorhaut Schweiß festhält », erklärte Caraccioli. Er ging alle Zeremonien der christlichen, jüdischen und muslimischen Religionen durch, und überzeugte die Mannschaft, dass diese Rituale weit davon entfernt waren, irgendwelche Besonderheiten an sich zu haben. Caraccioli sagte, dass alle Menschen gleich geboren waren, nur in anderen Religionen aufgewachsen waren. Rituale waren Anpassungsmechanismen an das Wetter und die Umgebung. Es kam zu heftigen Debatten unter den Männern.
« Wie auf einem gemeuterten Schiff », beruhigte Mission die Konferenz mit seiner montonen Stimme: « müssen wir einen Ort schaffen, an dem wir keine Unterschiede mehr machen. »
Der Kapitän der Triumph hatte heimlich zugehört. Er hatte vor Leugnung und Wut begonnen sich selbst das Gesicht zu zerkratzen. Er quälte die Mannschaft von nun an mit noch härterer Arbeit, die die Mannschaft erduldete, weil ihre Gespräche und ihr Denken aktiviert worden war, weil sie Menschen waren und nicht nur Hände.
Ende Juni sahen sie zweimal vier Pelikane und eine Menge Gras im Meer. Die Luft war sanft und mild, für die 5500km-Fahrt brauchte die Triumph 9 Wochen. Sie erreichte die Karibik im Monsun, Mitte Juli 1692.
Vor Martinique trafen sie auf ein englisches Schiff, die Winchelsea. Der Kapitän der Triumph hatte sich auf der Fahrt isoliert, immer weiter radikalisiert und sich aus Opposition zu der Mannschaft zum glühenden Sonnenkönigskultisten entwickelt. Er glaubte mit der Winchelsea ein Militärschiff des calvinistischen Parlamentariers Wilhelm von Oranien, oberster Feind des Sonnenkönigs, zu erkennen und gab Befehle, die Winchelsea anzugreifen. Die Mannschaft erkannte sofort, dass die Winchelsea ein neutrales Handelsschiff war.
Unter Führung von Mission und Caraccioli meuterten sie im strömenden Regen. Sie fesselte den Kapitän, banden ihn ein Ledertuch in den Mund, dass er nicht mehr schreien konnte, sie drehten ab.
Die freie Mannschaft sah die neue Welt. Sie sah die ruhigen Sandbänke, die Inseln mit Palmen, weiße Vögel, und Hütten, deren Dächer mit großen Palmblättern gedeckt waren. Die freie Mannschaft setzten den Kapitän mit dem Hinweis, sie möge sich ein französisches Marine-Schiff suchen, in Martinique ab.
Auf der Triumph begann die Mannschaft eine mehrtätige Diskussion. Dann wählten sie Mission zum Kapitän und Caraccioli zum Leutnant.
« Ich habe nicht vor, einen einzigen von euch zu irgendwas zu zwingen! », rief Mission aufgeregt.
« Ayé » riefen die Männer.
« Wir leben nur nach dem Gesetz: Dass wir uns keiner Ungerechtigkeit schuldig machen, die wir anderen vorwerfen. »
« Ayé » riefen die Männer.
« Wenn also jemand nicht bereit ist, alle gleich zu behandeln, soll er sich melden. Wir bringen ihn an Land, von wo er bequem nach Frankreich zurückkehren kann. »
« Ayé, Mission. Es lebe der Kapitän Mission und sein Leutnant, der Gelehrte Caraccioli! », riefen die Männer. Manche weinten, weil sie es von sich erwarteten.
Ein Matrose fragte, unter welcher Flagge sie kämpfen sollten, und schlug selbst Schwarz vor, weil es am meisten Schrecken verbreite. Caraccioli widersprach, sie seien keine Piraten, sondern Männer, entschlossen, die Freiheit zu behaupten. Wir tauften die Triumph auf Liberté. Unsere Flagge war eine weiße Flagge, auf der der rote Lettern L für Libertas geschrieben war.
Piraten-Schiffe waren riesige potemkinische Dörfer. Sie waren PsyOps von unten. Um Außenstehenden zu imponieren, spielte man ein Rollenspiel. Piraten spannten Legenden, Wundergeschichten von erschreckender Brutalität, Erzählungen, die die Piraten perfektioniert hatten, in denen Gesetzlose gegen die neue globale, weltliche Autorität aufbegehrten.
« Ich höre manche von euch sagen, ich sei Alexander der Große und ihr die Soldaten. Ich will, dass ihr nicht an einen Kataklysmus glaubt, keine große Wendung. Mein Vorschlag lautet, nur eine kollektive Aktion, dass wir uns in jedem Moment fragen, was wir jetzt tun könnten. Wir müssen uns andauernd erneuern, und damit erneuern wir die Beziehungen untereinander. »
Die Männer riefen ein zweites Mal: « Es lebe der Kapitän. »
Darauf bat Mission, die Unteroffiziere zu wählen und sie mit der Befugnis auszustatten, eigene kleine Versammlung abzuhalten, um die Arbeit zu organisieren. Eine Praxis, die Mission bereute und später revidierte.
Die Liberté fuhr mehrere Inseln der Karibik an. Kein Hafen in spanischer, französischer oder englisch-niederländischer Hand ließ sie anlegen. Manchmal wurden sie sofort beschossen. Aber sie mussten das Schiff erneuern. Sie mussten Essen, Trinken, Drogen, Medizin für die Rückfahrt organisieren. Nach zwei Wochen Irrfahrt wurde die Liberté an der Westküste der Sklaveninsel Hispaniola in den französischen Hafen Saint-Domingue gelassen.
Mission ruderte mit einem Beiboot an Land. Schwappendes, graues Wasser trieb das Boot in den kleinen, schief gezimmerten Hafen. Dicke Männer riefen ihn auf Französisch herbei.
Auf Hispaniola, einst die erste Kolonie in der neuen Welt, war innerhalb weniger Jahre nach Endeckung durch Kolumbus die Ursprungsbevölkerung ausgelöscht worden. Hunderttausende Taíno waren durch mehrere Massaker der Spanier, Pocken, Masern, Influenza und bald, im Angesicht ihres Aussterbens, durch kollektiven Suizid, verschwunden. Bald wurde die leergefegte Insel von den Europäern zu einem riesigen Arbeitslager für afrikanische Zucker-Sklaven umstrukturiert. Neben ein paar spanischen Pelzhändlern, traf Mission im Hafen vor allem französische Filibuster, vom Sonnenkönig unterstützte Söldner, die die Sklaven hielten, mit ihnen handelten und versuchten den Rest der Insel den Spaniern abzuringen.
Papageien und Geier schliefen auf den Dächern der Holzhäuser. Mission sah zu den seltsamen Gestalten im Gegenlicht.
« Dürfen wir hier unser Schiff klarmachen? »
« Was habt ihr dabei? »
« Waren und Silber. »
« Waren? »
« Was ist das hier? », fragte Mission einen Filibuster. Seine Zähne vom Zucker zu schwarze Stiften abgefressen. Er trug eine Machete und eine Pistole an der schwarzen Lederhose.
« Das ist die Hauptstadt der Erde, beherrscht vom Absoluten. Pirat, du bist willkommen. »
Mission rief die Mannschaft an Land. Die Filibuster wiesen Mission ein Brachgelände als Zeltplatz zu, eine Fläche mit Blumen, Sträuchern und Bäumen, neben dem Hafen. Die Liberi spannten ihre Zelte und Hängematten auf der Brache und Mission begann noch abends den Schiffsrumpf von Muscheln zu befreien. Er wollte so schnell wie möglich wieder weg.
Im Morgengrauen lag Mission wach, vertrieb die Mücken. Als er am Morgen wieder eingeschlafen war, wurde er von leisen Stimmen geweckt. Es waren vier Jungen, die sich zwischen den Orchideen auszogen, und im verschmutzten Wasser der Bucht schwammen, in der eine kleine, giftige Seeschlange lebte. Der Geruch von Exkrementen und Meerwasser und Lust junger Männer erreichte Mission. Er ging zu ihnen. Sie erklärten ihm, sie seien Söhne von Filibustern und Sklavinnen. Sie erzählten ihm von den Lagern im Inneren der Insel, in denen ihre Mütter wie Vieh gehalten wurden, zu tausend, fast verhungert, in Ketten. Sie waren die ersten in Saint-Domingue, die mich baten, ob ich sie freikaufen könne.
In den nächsten Tagen handelte Caraccioli mit den Filibustern die Verpflegung aus, während Mission begann Silber, Spitzen, Brokatseide mit Paisley-Muster, Seidenstrümpfe und Stoffe in allen Farben, die auf der Liberté gelagert waren, gegen Sklaven und Sklavinnen einzutauschen. Die Filibuster ließen Mission nicht bis zu den Lagern, sondern brachten die Anzahl der freigekauften Personen in den Hafen. Die Liberi hüllten die nackten Sklaven in weißes Segeltuch, um ihnen etwas Privatssphäre zu gewähren. Viele Frauen waren schwanger und zuckerkrank, man versorgte die stinkenden Wunden der Männer. Sie waren vom jahrelangen Tragen der Eisenketten und Eisenringen wund, am Hals und an den Beinen. Die Filibuster sahen der Aktion mit Hohn zu. Sie dachten, man habe es mit einer ihnen unbekannten, reichen Christen-Sekte zu tun. Sie wussten nicht, dass die Liberi von Gott verlassen waren, dass sie frei waren.
Nach einer Woche bekam Caraccioli eine Leberentzündung. Mission und er teilten sich seit Jahren ein gemeinsames Rasiermesser, wahrscheinlich steckte sich Mission so mit der Hepatitis an. Ihre Abfahrt verzögerte sich. Die Liberi begannen sich bei den Filibustern zu verschulden.
Mission lag auf der Seite und sah hoch zum Nebel um den Berg Pelée. Er musste auf Alkohol verzichten, aber es war schwierig an klares Wasser zu kommen. Er konnte nicht essen, aber er gab nicht auf. Alles bewegte sich eigentümlich, verstohlen, alles windete sich, wieder Gelbsucht. Krämpfe, begleitet von körperlicher Impotenz, Gedanken an Waghdas.
Er sah die Liberi, so was sie jetzt waren. Bantu, Polynesier, Deutsche, Mongolen, Araber, Franzosen, Bengalen, Yorouba. Bald würden sie eine neue Ethnie sein, eine noch nicht erdachte und ungeborene, noch nicht verwirklichte Kombination. Mission sah den Genfluss vor sich. Völkerwanderungen durchflossen seine Gedanken, unglaubliche Treks durch Wüsten und Dschungel und Gebirge, Fahrten mit einem Auslegerkanu, über die südlichen Ozeane bis zu den Osterinseln. Er sah sich in seiner Traumstadt Waghdas um, aus rotem Backstein, in der alle menschlichen Potentiale auf einem zentralen, riesigen, stillen Markt ausgebreitet waren. Er wusste, hier, auf Hispaniola, in der Einflusssphäre des Sonnenkönigs würde er nicht sterben. Er müsste diese Stadt finden, und wenn es sie in dieser Geschichte nicht gab, müsste man sie aus einem anderen Erzählstrang herübertransportieren.
« Wir müssen mehr Menschen von hier mitnehmen. »
« Du musst gesund werden. »
« Ich werde gesund, Ade. »
In der Karibik sprach sich die eigenartigen Autonomie der Liberi herum. Die St. Joseph, unter dem holländischen Piraten Opium Jansen und seine Mannschaft aus französischen Hugenotten und Sklaven aus dem Senegal, die erst vor ein paar Wochen gemeutert hatten, kauften die Liberi frei und schlossen sich ihnen an. Hispaniola hatte außer Sklavenhändler seit Monaten niemand besucht und die Filibuster waren froh über das Geschäft, wollten aber nicht in Unterzahl geraten und benachrichtigten Mission und Opium Jansen, wenn sie nicht noch mehr Sklaven kaufen wollten, müssten sie die Insel verlassen.
Mission berief am nächsten Tag die erste Generalversammlung, in der beraten werden sollte, wohin sie fahren. Es begann ein riesiges Palaver, in der sich die Liberi, die Mannschaft der St. Joseph und die befreiten Sklaven kennenlernten und die Ehre erwiesen. Die eigentliche Versammlung, es waren fast 600 Menschen, dauerte vier Tage. Am vierten Tag meldete sich eine Gruppe befreiter Sklaven, man habe mit den Bantu, den Mailaien und St.-Joseph-Senegalesen eine Fraktion gebildet, die für die Fahrt nach Ostafrika votierte. Sie bildeten eine Mehrheit. Diese Koalition versicherten den anderen, östlich der afrikanischen Küste liege Lemuria, das sei ihr Ziel.
Inzwischen hatte auch Ade Hepatitis.
« Hast du jemals von Lemuria gehört? », fragte Mission Ade in der Hängematte auf der Brache am Tag der Abfahrt. Es roch nach Blumen.
« Ja », sagte Ade und erklärte, das Wort für Lemur würde « Geist » bedeuteten, so wie die alten Römer schon von den lemures gesprochen hatten, Geister, oder Schatten der Toten.
« Ich bin mir nicht sicher, Mission », sagte Ade und dann fielen sie wieder in den extremen Schlaf der Hepatitis.
Ende September 1692 legte die Liberté und die St. Joseph, nach über zwei Monaten auf Hispaniola ab, um Lemuria zu finden. Die beiden Schiffe waren maßlos überfüllt, die Überfahrt schrecklich, der Himmel schwarz. Mit unglaublichem Aufwand schafften sie, in den Atlantikstürmen zu überleben.
Piraten waren vogelfrei, weltweit. Das Kontrollsystem auf den Meeren war engmaschig. Die Erzählungen über die Liberté als neuartiges Freiheitsprojekt war für die Militärs und Kopfgeldjäger der europäischen Mächte nicht gerade furchteinflößend. Parallel zur Atlantik-Überfahrt der Liberté wurde der erste internationale Haftbefehl gegen den Piraten Henry Avery ausgestellt. Alle europäischen Schiffe hatten das Mandat Piraten abzuschießen. Egal, ob es sich dabei um gemeuterte Marineschiffe, Muhajedeen, wahnsinnig gewordene arabische Sklavenhändler, den Erzpiraten Avery oder ein proto-aufklärerisches Freiheitsprojekt handelte.
Das erste Schiff, dass die Liberté und die St. Joseph auf offenem Meer angriff, war die englische Diana, die die St. Joseph versenkte. Mission stand, krank, dürr, von Haaren überwuchert, in seinem roten Mantel an der Reling und sah zu, wie die Liberi der St. Joseph auf die Liberté gezogen wurden. In Mission kamen Zweifel auf. Nur einen Tag von Tangier entfernt, wurden sie dem einem französischen Schiff Neuville beschossen. Mission traf den aufgerissenen Blick von Caraccioli, der auf Deck zusammengekauert, sich in Angst die Ohren zuhielt.
Am 2. Dezember 1692 stand der Himmel vor Tangier still. Die Liberté trieb seitwärts auf die Stadt zu, zwei Monaten nach ihrer Abfahrt von Hispaniola. Die Alawiden, die Marrokko vor kurzem geeint hatten, dachten, die Liberté sei ein Totenschiff. Die Alawiden-Soldaten, die das Schiff an Land zogen, meldeten Lebende, auch wenn sie aussahen wie Trockenfische, gedörrt und gesalzen. Mission wurde unter Deck, auf der Seite liegend gefunden. Eine Ratte versuchte, mich zu füttern. Die verwundeten und kranken Liberi wurden auf Karren geladen und in einer Prozession durch die Straßen Tangiers gefahren. Mission lag, als er zu sich kam, auf einem Haufen Menschen. Er sah zu den weißgewaschenen quadratischen Häusern der Altstadt, wie Zuckerwürfel über eine Reihe niedriger Hügel verstreut. Alle wollten wissen, woher das Schiff mit dem weißgeflaggten L kam, und wer die Männer, Frauen und Kinder waren, die alle gleich aussahen, fast verhungert, mit knochigen Gesichtern, zu erschöpft, die Arme zu heben.
Die Alawiden hatten mit einem Sklavenheer die Stadt vor ein paar Jahren von der englischen Besatzung befreit, die bei ihrem Rückzug Gebäude, Waffen und Medizin zurückgelassen hatten. In einer aufgegebenen, englischen Garnison wurden die Liberi einquartiert. Sie waren so dünn, dass Ärzte aus dem ganzen Maghreb anatomische Studien an den Nackten durchführten. Der Herrscher Mulai Ismail erhoffte sich über die Liberi Allianzen nach Amerika knüpfen zu können. Er, ein Mann, der mit 500 Frauen 888 Kinder zeugte, verstand spät, das wir völlig nutzlos für Herrschaftszwecke waren.
Die Liberi blieben über ein Jahr in der Garnison. Die Bewohnerinnen Tangiers kümmerten sich. Jeden Tag kamen Ärzte und Berber-Medizinfrauen, jeden Tag brachte man ihnen Datteln und Ziegenmilch und Linsensuppe. Mission, Ade und Caraccioli und viele erholten sich. Sie mussten sehen, wie andere starben.
Anfang 1693 konnte ich mit Caraccioli die Organisation wieder übernehmen. Wir brauchten ein neues Schiff und mussten die Liberté erneuern. Unser Glück war, dass wir die riesige Menge Gold, die die St. Joseph erbeutet hatte in der Karibik auf die Liberté umgelagert hatten. Ich versicherte den Alawiden, dass alle europäischen Mächte auch unsere Feinde waren. Ihr Krieg gegen die Engländer war sehr teuer gewesen, die neuen Herrscher nahmen dankbar das Gold an, auch weil sie es hier in Tangier ummünzen konnten. Ich bezog ein kleines eigenes Zimmer in der Garnison, in dem ein englischer Soldat feine Lederhandschuhe zurückgelassen hatte.
Tangier hatte ein seltsames Klima. Der Winter war kalt und nass. Im Frühsommer war es angenehm, nicht sehr heiß, aber andauernd gab es Sandstürme, und Mission bekam Sand in die Ohren, die Haare, und in die Augen. Sie erneuerten die Liberté in dem Garnisonshafen, die Genesenen zogen aus den großen Krankensälen auf die Schiffsbaustelle oder in andere Zimmer in der Garnison. Caraccioli übersah den Handel, Holz war teuer und ein neues Schiff zu finden, stellte sich als schwierig heraus.
Mission lief durch Tangier. Er wurde irre. Tangier existierte in mehreren Dimensionen. Er fand immer wieder Orte, die er vorher nich gesehen hatte. Es gab keine Grenze zwischen der realen Welt und der Welt der Symbole. Objekte, Gefühle, Erinnerungen schlugen wie Halluzinationen ein. Ich sehe langsam mit Missions Augen, mit seinen Lazarus-Augen.
Mission gibt zu, dass er ein obsessives Verhältnis zu Menschen hatte, in dieser Zeit war er obsessiv mit Ade. Er hatte ihm eine sexuell-rituelle Praxis vorgeschlagen, die Mission incorporal nannte. Ade und er versuchten, in den Körper des anderen einzutreten, mit den Lungen des anderen zu atmen, mit seinen Augen zu sehen, das Gefühl seiner Eingeweide und seiner Genitalien zu erfahren. Auch wenn eine Verschmelzung unmöglich war, Blitze davon erlebten sie.
Vielleicht waren die Erlebnisse der Rückfahrt zu verstörend gewesen. Vielleicht zweifelte Mission an dem gesamten Unterfangen. Ich denke, in Tangier, begann Mission Ersatzhandlungen zu betreiben. Die übermäßige Fixierung auf Ade, dann bald die Drogen und das Herumgehen in Tangier zeigen Missions Hang zur Ungeduld. Er konnte auf nichts warten.
Der Franzose Germaine Mouette, der bei einer Mittelmeerfahrt als 9-Jähriger von den Korsaren aus Salé verschleppt wurde und seit ein paar Jahren als freier, konvertierter Mann in Marrokko lebte, schreibt in seinem Tagebuch über seinem Besuch bei dem sagenumwobenden Piraten Mission: Ein Mann um die 30. Spricht schnell, aber monoton. Will nur über zwei Themen reden: 1. Seinen Hass auf den Sonnenkönig und die Kultur der Macht. 2. Drogen jeglicher Art, insbeonsdere Kif und Opium. Trotz allem eine ziemlich bemitleidenswerte, nervöse Gestalt. Man kommt nicht umhin, ihn zu mögen. Unklar, wie er ein Schiff anleiten soll. Unklar, wie er bis hierher überlebt hat.
Und später: 1. März, noch einen Besuch bei Mission, Tee und Gespräche mit einem italienischen Freund von ihm, der sich für die Wüste interessiert. Mission hat nicht gesprochen.
Caraccioli erforschte die Religionen der Berber in den Bidonvilles außerhalb der Stadt. Caraccioli berichtete in den Generalversammlungen, dass bei den Berbern die Frauen herrschten, was Missions Argument Frauen und Männer seien gleichgestellt bekräftigte. Einige Berber-Zimmermänner und Waffenschmide, überrascht von der Regelmäßigkeit, Ruhe und Menschlichkeit, die sie unter diesen neuartigen Piraten vorfanden, schlossen sich ihnen an.
Mission gab ein seltsames Bild ab. Er war tief in seine zweite Phase von Opium-Missbrauch abgerutscht. Auf Opium hatte er keine Alpträume. Nachts und betäubt hörte er die Phantasien der Menschen im Hafen, dann ließ ihn die siebte, achte, neunte Pfeife die Unausweichlichkeit des Geschehens erkennen, er wurde ruhig. In dieser zweiten Opium-Phase seines Lebens wurde er nicht schmutziger. Er wurde unsichtbar, wie ein Mann, der stirbt.
Missions Libido war durch das Kif und das Opium ausgeschaltet. Es waren nur noch leere Worte, die er Ade zu bieten hatte. Ade schloss sich Caracciolis Ausflügen in die Berber-Vorstädte an.
Ich habe zu viel geredet, zu wenig getan. Richtig wäre es gewesen in Tangier alleine zu sein für ein paar Monate und klar zu den Liberi zurückzukehren. Nur ein Gang in die Wüste. Aber immer hatte ich viel zu große Angst, alleine zu sein. Ich hatte Angst, wirklich still sein zu müssen.
Mission war ein moderner Mensch, deswegen war es ihm unmöglich still zu sein. Er versuchte nur ein paar Sekunden innere Stille, aber sofort begann ein Oragnismus. Dieser fremde Organismus zwang ihn, zu sprechen. Dieses Lebewesen in uns ist das Wort. Es lebt in mir und will sich nicht beruhigen. Ich wollte es töten. Ich wollte alle Worte vergessen. Ich träumte von einer neuen Schrift für die Liberi, eine wortlose Schrift, eine Bildschrift, wie die Hieroglyphen. Ich träumte von Telepathie, dass wir unsere Gedanken austauschen könnten, ohne den Geist der Sprache.
Im April 1693 trennte sich Ade von Mission. Mission bezeichnet Ade in seinem Memoir als seine andere Hälfte. Er warnte Ade, der sich in eine Berberin verliebt hatte, dass er seine Finger abschneiden würde, wenn er die Frau nicht aufgeben würde.
« Nein. Wenn ihr fahrt, werde ich mich den Berbern anschließen », sagte Ade.
Mission verstand schon im April, dass seine Obsession mit Ade neurotisch war, dass seine Eifersucht krankhaft und schädlich war und, dass er Hilfe brauchte. Aber er lag in seinem Zimmer, rauchte und lief in der Dämmerung blass und dürr durch die weiße Stadt.
Bei der Generalversammlung im August begannen die Liberi sich Sorgen um Missions Zustand zu machen. Er konnte kaum die Augen aufhalten. Sie wählten ihn ab und Caraccioli als neuen Kapitän.
Ade verließ Tangier mit einer Gruppe Berber am 14. April 1693. Vor dem Stadttor umarmten wir uns lange. Ade verschwand in die unendliche, beneidenswerte Stille der Nomadenvölker.
Mission organisierte sich vom Schiffskoch eine Geflügelschere, nahm sie mit zum großen Markt, setzte sich auf eine Mauer, beobachtete die Feuer und die Menschen. Ein neugieriger Junge setzte sich neben ihn und sie sahen schweigend über den Platz.
Mission holte tief Luft, drückte schnell und fest auf den Griff der Schere. Er spürte keinen Schmerz. Das Fingerglied fiel auf den Boden. Mission drehte seine Hand um und betrachtete den Stumpf. Blut spritzte hoch und traf ihn ins Gesicht. Er empfand plötzlich tiefes Mitleid mit dem ausblutenden Fingerglied, das dort auf dem Sandboden lag, umgeben von ein paar Blutstropfen, dann ein kleiner rot-nasser See, der Klümpchen bildeten, um den weißen Knochen und das weiße Fleisch. Tränen traten ihm in die Augen. Er sah dem Jungen ins Gesicht.
« Es hat nichts gebracht », sagte er mit gebrochener Kinderstimme. Der Junge rannte weg.
Er verband seinen Finger notdürftig, steckte das Fingerglied in seine Jackentasche und ging. Mission verspürte eine verspätete Welle der Euphorie, hielt bei einem Händler und bestellte einen Tee. Er sah in den Nachthimmel, und ihm fiel nichts anderes ein als der Sonnenkönig. Wohlwollen strömte aus ihm heraus, gegenüber jedem, den er sah, gegenüber der ganzen Welt. Eine lebenslange, defensive Feindseligkeit gegenüber der Macht und der Gewalt war von ihm abgefallen. Er warf den Finger in den offenen Abfluss der Fleischhändler, ging zu dem Schiffschirurgen der St. Joseph, einem Mann aus Mainz, namens Weidmann, mit einem unerschütterbarer Gehorsam gegenüber dem Körper.
« Was haben Sie gemacht, früher? », fragte Mission.
« Ich war Arzt in Mainz. »
« Wie ist Mainz? », sagte Weidmann.
« Schön, wir haben den Rhein. Sie sollten kein Opium mehr rauchen. Wenn sie aufhören, werden sie sich plötzlich sehr schlecht fühlen, aber dann wird es besser. Suchen Sie sich Hilfe, die Menschen hier kennen sich damit aus. »
Mission schwitzte und übergab sich zwei Tage lang, aber die Ärztin, die Caraccioli ihm geschickt hatte, versicherte ihm, das alles sei normal.
Alles sah blau aus. Die Doktorin, braune Djellaba, graues Gesicht ließ mich Kräuterrauch atmen. Wenn es ging, vertrat ich mir die Beine, Essen war unmöglich. Viele Träume vom Opium, ich suchte Mohnfelder, aber fand die Berge von Tibet. Caraccioli brachte mich in ein Riad mit einem Zitronenhain im Hof. Wir tranken Minztee. Ich freue mich, dass du aufhörst, sagte Caraccioli. Erst seine Worte erwischten mich. Ich schwamm noch ein, zwei Tage herum, dann ging es mir morgens gut.
Am Morgen des 12. Dezember 1693 spürte Mission eine freundliche, sensitive Quelle in sich, die ihm Vertrauen und Mut gab, sein Inneres nüchtern und leidenschaftslos auf Fehler zu überprüfen, einschließlich seiner Besessenheit mit Ade.
Er benutzte eine Methode, die den Meditationstechniken des tibetischen Buddhismus ähnelten. Diese Berg-Religion kannte er von den Malaien und von einem Vortrag von Athanasius Kircher über Johann Grueber, den er in Rom gehört hatte. Er setzte sich hin und ließ seine Gedanken frei kommen. Anstatt seine Zwangsgedanken und Phantasien zu bekämpfen, die in den Kopf kamen, verfolgte er sie.
Ich ließ alle meine Gedanken kommen. Ich sah, dass alle diese Worte in mir, Teil von mir war und, dass ich sie freilassen konnte, wie Tiere, anstatt sie einzusperren und zurückzuweisen.
Mission beobachtete seine Gedanken als leidenschaftsloser Beobachter. Er schreibt, wie sie sein Geist übernahm, sich veränderten, die Gedanken verschwanden und von neuen abgelöst wurden. Erst als die Phantasien als Teil seines selbst angenommen wurden, verloren sie ihre Macht und büßten ihren Schrecken ein. Von nun an schmerzte sein linker Rippenbogen. Er sagte Caraccioli, dass sei der Ort an dem die bösen Geister ausgetreten waren.
Sein Kif-Händler war Sohn des Uhrenhändlers, mit einen kleinen Laden in einer Sackgasse im westlichen Wohngebiet der Medina. Mission kaufte dem Mann eine Uhr ab, ein sehr neues Modell, eine holländische Erfindung, eine der ersten Taschenuhren mit Unruhe. Mit dieser Uhr war eine genaue Zeitanzeige über Monate hinweg möglich. Mission wusste sofort, dass damit eine exakte Bestimmung des Längengrads möglich war.
Endlich funktionierte alles. Ende Dezmber 1693 war die Liberté seereif, und ein neues Schiff von den Kanaren angekommen. Der gesamte Goldvorrat war aufgebraucht. Sie tauften dieses Schiff wieder auf St. Joseph. Sie unterschrieben Schuldscheine bei Mulai Ismail, der bald abgelenkt war, in einen neuen Krieg mit den Engländern verwickelt. Eine Schebecke, ein langes, schmales Schiff muslimischer Piraten, die nach einer gemeinsamen Trance in Salé von der Sunna abgefallen waren und sich von nun an als Mystiker verstanden, schlossen sich der Liberté an.
Sie hatten Rückenwind. Im März 1694, vor Sierra Leone trafen sie auf die Piraten der Amity, ein ehemaliges Schiff der britisch Marine, das Thomas Tew aus Rhode Island unterstand. Auch die Amity schloss sich ihnen an.
Mit der Hilfe der Crew der Amity, die Westafrika kannten, fuhren sie die Küste nach Süden.
Die Schiffe erreichten das Kap der Guten Hoffnung, wo sie in einer zwei-tägigen Generalversammlung feierlich Mission als Kapitän wiederwählten. Tew, Caraccioli und Ali Ibn-Akbar wurde zu den Leutnants ernannt. Von nun an bezeichneten sie sich als die Konförderation Liberté.
Wir erreichten die Küste von Mosambik im August 1694.
Die Bantu versicherten, von hier nach Osten, sei der Eingang nach Lemuria.
Wir fuhren nach Osten.
Vor 180 Millionen Jahren zerreist der Superkontinent Gondwana. Indien und Madagaskar spalten sich von Afrika ab. Während Indien nach Osten driftet, fällt vor 90 Millionen Jahren Madagaskar zurück, heimgesucht von heftigen Gewittern, karg, aber unglaublich fruchtbar. Was meine ich mit « Zurückfallen » ? Ich benutzte es, weil es Missions Wort ist. Er schreibt nach seiner Ankunft: Die Griechen sagen Bäume sind Alphabete, Wälder Texte. Von allen Baum-Alphabeten ist die Palme das schönste. Die Schrift üppig und deutlich, wie das Aufbrechen ihrer Wedel. Sie besitzt die größte Wirkung: das Zurückfallen.
Ich habe den Riss zwischen Afrika und Madagaskar nachts in meinen Gedanken, Anfang März 2026, parallel gesetzt mit dem Riss, der die menschlichen Organismen teilt, mit der Trennung von Ade und Mission. Dieser Riss ist eine Trennung zwischen dem Einen und dem Rest der Welt. Wenn sich synthethisierte Hälften teilen, ist eine Rückkehr unrealisierbar. Der Riss, den Madagaskar von Afrika trennt, ist unwiderruflich. Madagaskar driftet in einer verzauberte Zeitlosigkeit. Ade zog in die Ebenen, zur Sprache, in den Raum, zum Werkzeug-Gebrauch, zum Jagdwaffen-Gebrauch, zur Wasser-Organisation, in eine Urzeit, zum Aussterben. Ade begann den ewigen Anfang der Zivilisation nachzuempfinden. Mission zog nach Madagaskar, in eine magische Welt, in der kein Anfang auffindbar ist. In dieser zeitlosen Welt ist die Erfahrung die Wiederbelebung.
Mission fiel zurück, in den Garten der verlorenen Möglichkeiten. In Missions Gedanken, schreibt er, wurden Ade und er zu gegeneinander gepolten Magneten. Dies könnte ein Weg zur endgültigen Befreiung sein, die endgültige Lösung der logischen Probleme, des Problems der Vorherbestimmung und der Sprache, aus denen alle menschlichen Probleme hervorgehen: das System umkehren, sodass alles einander abstößt, wie Magnete und wir zurückfallen.
Die Fahrt durch die Meerenge, die Wunde einer Trennung, wie Mission schreibt, dauerte 3 Tage. Wie ein festlicher Zug, bewegten sich die drei Schiffe mit weißen L-Flaggen durch die Straße von Mosambik. Mission sah Madagaskar. Es lag seit Millionen Jahren in ruhiger Zeitlosigkeit da.
Das musste Lemuria sein.
Die Konförderation umfuhr die Nordspitze der Insel und legte in einem Hafen an, in dem sie arabische Dhauen sahen, Segelboote mit dreieckigen Segeln. Niemand beachtete ihre Ankunft. Sie konnten einfach anlegen. Sie fanden eine lebhafte Stadt ohne Militär vor, Häuser aus Lehm mit Palmdächern, indische und arabische Händler mischten sich unter die einheimischen Malagasy. In den Straßen wehte der Geruch von getrocknetem Fisch, Zuckerrohr und Gewürzen. Im Hinterland sah Mission Wälder, Texturen, Bäume, so wachsam und groß, wie ich sie noch nie gesehen hatte.
Die Liberi wurden von der Antavaratra-Königin und ihrem Bruder empfangen. Die Königin trug rote Tücher und ihr Bruder trug eine Lemur-Figurine hinter ihr her. Nach einigen selbstverständlichen Friedensritualen im Rathaus, bei denen Waren ausgetauscht und verbrannt wurden, unterrichtete die Königin sie, es sei absolut notwendig, die Geisterruhe zu wahren. Man dürfe niemals einen Geist beleidigen, was sich insbesondere auf die Lemuren bezog, in denen die Seelen Verstorbener weiterlebten. Mission und Caraccioli schworen einen Eid. Die Königin wies ihnen eine Festungsruine im Norden der Insel zu, wo einige Jahre vorher, bereits europäische Piraten versucht hatten, sich niederzulassen.
Am 2. September 1694 fanden die Liberi in einer Lagune die Ruine. Sie ankerten, gingen von Bord und zogen mit unmissverständlicher Überzeugung die Schiffe tief in den Sand. Sie wussten, dass sie bleiben würden. Das Meer war warm. Die Liberi schlugen Zelte in den Ruinen auf, während andere im Landesinneren die Quellen der Bäche suchten, und Obst, Nüsse und Fisch sammelten.
Als die Dämmerung einsetzte, striff Mission durch die Gräber des Piraten-Friedhofs hinter den verlassenen Gebäuden. Mission hörte ein Quieken. Zwischen den unmarkierten Steinen schaute ihn ein junger Lemur an. Mission fing eine Heuschrecke und kniete sich neben einen moosbewachsenen Stein. Das kleine, spitze Gesicht mit den orangenen Augen und den zitternden Ohren blickte ihn fragend an. Mission hielt ihm die Heuschrecke hin, und der Lemur stürzte sich mit Freundensschreien darauf, hielt ihn in seinen Fellhänden die Heuschrecke und zerknackte sie mit seinen Nadelzähnen. Mission rührte sich nicht. Er hatte in Tangier gelernt, still zu halten. Der Lemur rollte den dichten schwarz-grauen Schwanz um Missions Beine, zog sich an seinen schwarzen Kleider hoch, und roch an Missions Mund. Der Lemur roch süßlich nach Tamarindensaft, und setzte sich auf seine Schulter. Mission nannte ihn Geist. Als er mit Geist zurück in die Siedlung kamen, nannte er die Stadt, die sie bauten, Libertalia.
Am 19. September 1694 hielten sie die erste Generalversammlung von Libertalia ab und wählten Mission zum Bürgermeister.
Die Liberi errichteten im ersten Jahr zwei oktagonale Festungsstrukturen mit Wohnungen, Zelten und Märkten. Sie pflanzten Yams, Kartoffeln, sogar Lychee und Mango an und handelten mit den Völkern im Landesinneren Wildschwein-Fleisch und Vanille, Taro und Maniok. Bald verstanden sie, Maniok selbst anzubauen. Viele bekamen Malaria, aber es war eine milde Variante hier und ihre Immunsysteme durch die langen Reisen vorbereitet. Alle überlebten. Die Clans im Flussland halfen ihnen.
Caracciolis Bein machte immer wieder Probleme. Er musste zwei Monate liegen, wahrscheinlich mit einer Knochentuberkulose. Im April 1695 amputierte Weidmann Caracciolis Bein. Mission schnitzte für ihn ein Holzbein aus dem dicken Ast eines Affenbrotbaums. Caraccioli, dachte ich immer, war der eigentliche Bewohner Libertalias. Sein Körper bestand nun zum Teil aus diesen unglaublichen Bäumen. Er war der erste, in den die neue Stadt hineinwuchs.
Die Antavaratra-Königin sah, dass Libertalia florierte. Sie sah, dass die Liberi in Harmonie mit ihrer Umgebung lebten, die Pflanzen und Tiere achteten und die Geister der Insel respektierten. Die Antavaratra waren in etwa fünfzig Clans unterteilt, die größtenteils untereinander heirateten. In jedem Dorf gab es einen großen Saal, in dem alle gemeinsam zu Mittag aßen, und gemeinsame Getreidespeicher, in denen jede Familie ihre Vorräte aufbewahrte. Auf diese Speicher konnte jede Familie im Falle einer Knappheit zurückgreifen. Deswegen kam Mission zur Überzeugung, es gebe keine Reichen und keine Armen unter ihnen.
Die Königin verstand, dass die Liberi aus allen Kontinenten hierhergekommen waren, und sie erinnerte diese Besiedlung an die Geschichten, die man sich erzählte, von der Besiedlung der Insel in der Vorzeit. Sie unterstützte das Projekt und schickte Anfang Mai 1695, nach dem Monsun, siebzig Arbeiter unter der Führung ihrer Tochter Antavaratra Rahena, um den Bau der Stadt Libertalia voranzutreiben. Antavaratra Rahena trug eine Art Sari, einen roten Wickelrock mit übergeworfenen Tüchern, auf denen blaue Symbole gestickt waren. Sie war jung. Sie hatte ihre Haare zu einem strengen Mittelscheitel gebunden, der Zopf war in bronzene Reifen gebunden.
Antavaratra Rahena war in der Lage, mächtige Fanfody, Fanfody-Medizin, wie Mission schrieb oder, so wie ich es verstehe, Liebeszauber zu benutzen. Antavaratra Rahena war bekannt für ihre magischen Fähigkeiten. Sie konnte nicht nur Gefühle der Begierde und Zuneigung hervorrufen. Sie konnte fanainga lavitra, einen Spruch, der einen entlaufenen Liebhaber oder Liebhaberin in einen Schlafzustand versetzte, aus der sie oder er erst bei der Rückkehr zu der Liebenden erwacht. Sie konnte ody fitia, in dem sie andere vollständig ihrem Willen unterwerfen konnte. Wir erwarteten ihre Ankunft mit Respekt.
Antavaratra Rahena fragte nach dem König Libertalias und lud Mission zu einem Getränk ein. Sie und Mission saßen auf einer Decke, unter dem höchsten Baum des Jahres und aßen Lychi. Geist saß in Missions Schoß und pulte die Lychis viel schneller als die zwei Homo Sapiens. Antavaratra Rahena reichte Mission das Fanfody, ein dickflüssiges Getränk aus Pflanzenblättern, Reis und Honig. Wahrscheinlich wollte sie Mission an sich binden. Mission fand, es schmeckte widerlich, aber wegen seiner höflichen Zugewandheit zu Menschen und ihren Riten, trank er den ganzen Becher. Eigentlich wirkte das Fanfody innerhalb von Minuten, aber zu Antavaratra Rahenas Erstaunen, schien es bei Mission nicht zu wirken. Mission selbst schreibt: Ich sah einen riesigen Phallus aus dem Meer emporsteigen, dessen Samen zu einer Wolke wurde, die über uns hinabregnete, aber, da ich so erfahren im Umgang mit Rauschmitteln jeglicher Art war, ließ ich mir nichts anmerken. Mission redete, Geist im Schoß, weiter von der Schönheit der Insel, den Göttern der Zeit, forderte einen Regimewechsel in Frankreich, das Ende der Knechtschaft des Ständegesellschaft und der Hoffnung auf den baldigen Tod aller europäischen Könige durch einen Aufstand der Bauern. Wie ich, wurde Mission, redselig, wenn er unsicher wurde.
Antavaratra Rahena fragte Mission, wer der beste Mann in Libertalia sei. Mission dachte an Ade, der in einem Zelt auf einer Ebene im Atlas lag. Er dachte an Caraccioli, der sich täglich rasierte, sein Bein ölte und heimlich mit einem Gott sprach. Mission dachte an Ali, der mit Hidaya verheiratet war, die die Liberi auf Hispaniola befreit hatten, und schon drei Kinder hatten, Amari, was Stärke hieß, Lethabo, was Freude hieß, und Lesedi, was Licht hieß. Er dachte an die vielen Liberi, Männer und Frauen, die untereinander geheiratet hatten und Kinder bekamen.
Mission erklärte Antavaratra Rahena, der beste Mann, sei Thomas Tew. Er sagte, dass er die Insel verstehen wolle. Antavaratra Rahena gab ihm die Namen und Orte der Medizinmänner und Medizinfrauen der verschiedenen Clans.
« Gibt es sonst, etwas, was ich für dich tun kann? », fragte Antavaratra Rahena.
« Wir haben Kommunikationsprobleme mit zwei Clans, wir handeln mit ihnen seit unserer Ankunft, aber ihre Ältesten verhalten sich immer seltsamer und ihre Jäger drohen uns. Sie sind mit Pfeil, Bogen und einem Speer bewaffnet. »
Antavaratra Rahena bat ihn, sie zu beschreiben. Das einzige, was Mission sagen konnte, war, dass beide Clans von Männern geführt wurden und eifersüchtige Besitzansprüche gegenüber ihren eigenen Frauen und Töchtern hatten. Wahrscheinlich kam es dadurch zu Konflikten, sagte Mission, weil die Liberi die freie Partnerwahl der Antavaratra und der anderen Clans gewöhnt waren.
« Das müssen die Zafy-Ibrahimi und die Zafi-Raminia sein », sagte Antavaratra Rahena und erklärte ihm, dass die Zafi-Raminia muslimischen Ursprungs waren, Sklavenhändler, die aufgrund einiger heftiger Monsune, durch das unwegsame Hochland und den rasch wachsenden Busch hermetisch abgeriegelt wurden und wieder zu Clans-Menschen geworden waren. Die Zafy-Ibrahimi waren die Kinder Abrahams, eine der ältesten Familien der Ismaeliten. Sie waren aus der Zeit vor der babylonischen Gefangenschaft hierhergekommen. Sie trugen immer noch die Namen Moses, Isaak, Jakob und Noah. Sie sind, sagte die Prinzessin, bekannt für ihre philosopschen und kosmologischen Spekulation. Sie versuchten, einen elitären Status zu verteidigen, den der Rest der Bevölkerung der Insel schon lange nicht mehr nachvollziehen konnte. Sie sind etwas seltsam, sagte sie und versicherte mir, dass alle auf der Insel manchmal irritiert von ihnen waren. Sie versicherte mir, sie würde beiden, den Raminia und den Ibrahimi, einen Botschafter schicken, um sie zu beruhigen.
Am Abend, als das Fanfody abklang, lief Mission zum blauen Zelt am Strand, zu Caraccioli. Sie aßen gemeinsam Fufu, ein gewürzter Yams-Brei mit Fisch, den Thomas Tew und seine Fischerinnen fingen. Das Essen nach der Fanfody-Medizin war das beste Mahl seit langem und erinnerte mich an die gegrillten Sardinen meiner Kindheit, schreibt Mission. Ich erzählte Caraccioli, dass ich als Kind am Tisch lesen durfte. Ich erzählte von der Prinzessin. Er zeigte Caraccioli das Clan-Verzeichnis, das Antavaratra Rahena ihm diktiert hatte und gab wieder, was Antavaratra Rahena über die Zafi-Raminia und die Zafy-Ibrahimi erzählt hatten.
Die Prinzessin, hatte mir erklärt die Zafy-Ibrahimi glaubten an zwei Götter, einen Gott von Oben und einen Gott von Unten. Der Erdgott stellte die Menschen und Tiere her, aus Holz und Ton, aber war aber nicht in der Lage sie zu animieren. Also kam der Himmel-Gott und hauchte ihnen das Leben ein. Und er nahm ihnen es wieder, meist wegen gebrochenen Versprechen oder unbezahlten Schulden. Sie sagten: Gott tötet uns, und unsere Körper kehren zur Erde zurück.
Mission und Caraccioli kamen zu der Annahme, die Zafy-Ibrahimi müssten vielleicht Manichäern gewesen sein, nicht Abrahamiten, sondern Anhänger der Gnosis.
Mission erklärte seine Absichten. Ich wollte mit Caraccioli eine Verfassung ausarbeiten, wenn es eine gute Verfassung geben würde, dann könnte sie nur gemeinsam mit Caraccioli entstehen. Sie trafen sich einige Wochen. Sie arbeiteten bis zur Generalversammlung, die Mission einberufen wollte, sobald die Hochzeit stattgefunden hatte.
Caraccioli und Mission spazierten an einem Abend im August 1695 am Strand entlang. Es herrschte in Madagaskar eine unbekannte Wärme, keine Hitze, sondern eine vibrirende Wärme, als würde sie von der Insel ausgehen.
« Tom Tew wird verrückt von dem Getränk, er ist doch immer so kontrolliert. »
« Jedenfalls wird er sie lieben. »
« Bist du zufrieden hier, Mission? »
« Ich bin zufrieden. Ich werde mich endlich dem widmen, was die Stimmen befehlen.»
Caraccioli und Mission lagen sich lange in den Armen, eine feste Umarmung, die beide genossen. Mission erreichte ein starkes Gefühl von Trost, so stark, dass Mission sich erinnerte, dass er von dieser Umarmung geträumt hatte.
Mit der Hochzeit Thomas Tews und Antavaratra Rahena am 21. August 1695 sah Mission seine Arbeit für Libertalia abgeschlossen. Nach und nach, durch die Sonne und die gemeinsame Arbeit, waren ihre Herkünfte untereinander nicht mehr erkennbar. Mission wusste, dass seine Aufgabe getan war. Der Prozess der Synthetisierung mit der Insel war abgeschlossen. Mission sah sie vor sich, die neuen Menschen, die hier geboren wurden, eine Liberi-Ethnie, verschmolzene Körperteile aus allen Erdteilen, verschmolzen mit ihrer Umgebung.
Er berief eine Generalversammlung im November, unter freiem Himmel am Strand, in der er verkündete, dass Libertalia keinen Bürgermeister oder Präsidenten oder Lord Conservator brauche, der Aufbau Libertalias und das Leben darin sollte spontan entstehen solle, ohne Lenkung, ohne ihn, wie eine Quelle. Ich traf auf Unverständnis, aber ich hatte Caraccioli. Weidmann war der erste, der sich erhob und widersprach und erklärte, ein Körper ohne Kopf sei verloren. Mission erklärte, man müsse Libertalia weniger als Körper verstehen, eher als Buch. Caraccioli sprang ein und argumentierte, es bräuchte zwar keinen Vorsteher, sondern eine perfekte Verfassung, an die sich alle hielten, dann stellte er den Verfassungsentwurf vor. Die Generalversammlung dauerte zehn Tagen. An einem Tag kamen hunderte Strahlenschildkröten aus dem Meer und gruben sich zum Laichen neben den Liberi in den Sand.
Mit dem Anwachsen Libertalias gingen die Liberi von der direkten Demokratie der Piratensatzungen zu einer repräsentativen Demokratie über, deren Entscheidungen immer an die Generalversammlung und ihre Beschlüsse rückgebunden waren. Nichts von Bedeutung sollte ohne Beschluss aller entschieden werden. Mission und Caraccioli hatten das Element des Zufalls implementiert. Die Liberi teilten sich per Losverfahren in Gruppen von zehn Menschen auf, jede dieser Gruppen wählte einen Vertreter, der bei der Bearbeitung des Verfassungsentwurf mitwirkte.
Die finalen 99 Artikel ähnelten bemerkenswert den Ideen von Rousseau und den französischen und amerikanischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts, gingen diesen aber um achtzig Jahre voraus. Es sollte keine Todesstrafe, keine Sklaverei, keine Inhaftierung wegen Schulden und keine Einmischung in Religion oder Sexualität geben. Frauen und Männer hatten gleiche Rechte. Es gab keine Zinsen. Ihr Menschenbild war unberüht von der in der Renaissance aufkommenden Betonung des Selbst und der Zentralität des Menschen im Kosmos. Ihr Menschenbild stand ganz im Sinne der Haeccitas und der Einstimmigkeit, in der alles an einem unerkennbaren Wesen teilnimmt, tief verwurzelt in seine Umgebung.
Am zehnten Tag sprach Mission, und führte das Tabu gegenüber dem Töten der Lemure ein. Auf nachdrücklichen Wunsch ließ er den hundertsten Artikel einführen, der das Töten von Lemuren unter Androhung der Ausweisung aus der Siedlung verbot. Wenn es ein Verbrechen gab, das die Todesstrafe verdiente, dann war es dieses Verbrechen, schreibt er.
Ali Ibn-Akbar wurde zum Schützer der Verfassung und Thomas Tew zum Admiral ernannt, und Caraccioli zum Wirtschaftsminister. Dieser Ämter mussten zu Beginn jeder Generalversammlung bestätigt oder neu vergeben werden, damit Machtmissbrauch eingedämmt und die Vererbung von Macht verunmöglicht wurde. So bauten die Liberi die erste demokratische Regierungsform der Moderne auf.
Der Schatz und das Vieh, über das sie verfügten, war gleichmäßig aufgeteilt. Das Land, das ein Mensch umzäunte, sollte als sein Eigentum gelten, auf das kein anderer Anspruch erheben durfte, sofern es nicht durch Verkauf oder Tausch veräußert wurde. Wenn jemand etwas brauchte, durfte er es sich nehmen. Er musste nicht danach fragen.
Im September 1695 bezog Mission eine kleine Steinhütte, eine Ruine in der Nähe des Friedhofs, ein paar Minuten von Libertalia entfernt. Die Hütte war vollständig von den Wurzeln eines zur Seite geneigten Affenbrotbaums umgeben, als würde es von einer riesigen Hand gehalten.
Mission deckte den Eingang mit einem Moskitonetz ab. Er strich es Innen Rot und hängte ein paar Bilder auf. So wie Mission seine Wohnung beschreibt, stelle ich es mir vor wie das rote Studio, ein Bild von Matisse. Mission lebte hier mit Geist. Manchmal kamen die Alpträume. Manchmal wusste er, dass alles hier scheitern müsste, er schreibt: Aber ich wusste nie, auf welche Art.
Ich hatte nur zwei Bücher dabei, das ich über die vielen Jahre immer wieder las. Sapphos Gedichte, die ich sehr liebte, und Platons Politeia, das ich wegen seiner Schichtung der Gesellschaft und der Zentralität von Herrschaft ablehnte, und genau deswegen las. Ich hatte es aus der Universitätsbibliothek in Angier geklaut und seitdem hatte ich es immer in meinen Taschen. Mein ganzes Leben habe ich die unmissverständliche Klarheit und Logik der alt-griechischen Sprache geliebt. Erst in Libertalia las ich die letzten Seite. Sie behandelten den Mythos von Ara, einem wiedergeborenen, wunderschönen Armenier, und seiner Seelenreise. Warum setzt Platon diesen Text ans Ende? Ich weiß es nicht.
Mission gibt dann in seinem Text das Ende wieder, die Beschreibungen, der reinen, schönen Seelen, die aus einer Öffnung im Himmel hinabfließen und die erschöpften, abgezehrten Seelen, die aus der Unterwelt aufstiegen, während sie sich von ihren schrecklichen Erfahrungen erzählten. Und, wie sich die Seelen vereinten in einem Strom und gemeinsam auf einer Wiese lebten, und sich austauschten, und weiterreisten, bis zu einer riesigen Säule aus regenbogenfarbenen Licht, die von Sphären umgeben ist. Diese Konstruktion war die Spindel der Notwendigkeit, die von mehreren Frauen betrieben wurden. Die Seelen wurden in Reihen aufgestellt und jede Seele erhielt von den Schicksalsgöttinen ein Los für die Reinkarnation. Aber nicht Ara. Und die Seelen tranken aus dem Fluss des Vergessen. Aber nicht Ara. Ara selbst durfte nicht von dem Wasser. Wodurch und wie er aber wieder zu seinem Leibe gekommen, wisse Ara nicht, sondern nur, dass er plötzlich morgens wach wurde und sich auf dem Scheiterhaufen liegen sah.
Geist schlief mit ihm in seinem Bett. Morgens weckte er Mission, Geist knetete in seinem Gesicht. Geist ruhte in einem Sonnenfleck in dem Studio, als Mission im Januar 1696 mit der Niederschrift seiner Memoiren Esprit du hasard begann.
Mittags half Mission auf den Baustellen Libertalias. Abends schnitzte er sich einen Wanderstock aus einer Wurzel. Nachts las er. Morgens schrieb er.
Im Januar 1696 bat Caraccioli Mission, die ihnen noch unbekannten Clans zu besuchen. Den Liberi fehlten bestimmte Waren, auch zur Verpflegung der Neugeborenen. Mission müsse Handelsverträge schließen, aber Caraccioli konnte wegen seines Beines keine Reisen durch den Dschungel unternehmen.
Mission begann die Expeditionen durch den Wald, tief ins Landesinnere, entlang der Küsten, über die gesamte Insel Madagaskar.
Die Küstenstädte Madagaskars waren von Frauen organisiert, und auch manche der Siedlungen in den langen Flusstälern im Osten, die als einige der fruchtbarsten der Insel galten. Mission traf yemenitische Einwanderer und koptische Christen, vor-islamische Araber, ostafrikanische Sunnis, entflohene Sklaven, ostafrikanische Pastoralisten, die ihr Vieh durch die Ebenen des Hochlands trieben. Er traf die Merina-Händler an den Küsten, deren Vorfahren aus Malaysia auf Auslegerkanus und mit Segeln aus Pflanzenfasern vor tausenden Jahren unter den Mai-Winden die 6,400km-Reise angetreten waren und sich auf Madagaskar niedergelassen hatten. Die Nord-Östliche Ecke eines Hauses in Madagaskar ist immer noch heilig. Das ist die Richtung in der Malaysia liegt. Mission, der im März 1696 von der Besiedlung aus Malaysia durch einem Vezo, einem halbnomadischen Fischer-Clan, an der Westküste der Insel erfuhr, führte diese Tradition in sein rotes Studio ein.
Im Februar 2026 habe ich meinen Schreibtisch nach Nord-Osten ausgerichtet, meine Nasenspitze zeigt ins Lena-Delta, in Sibirien. Ich weiß nicht, wie es dort ist, trotzdem vermisse ich es. Der Permafrost dort taut auf, die Mammuts wachen auf.
Die Toten sind die wirklich Mächtigen. Nur die, die tot waren, haben Autorität. Manchmal wurden Rituale abgehalten und Mission musste sich seinen Weg durch Körperskulpturen bahnen, durch Musik und Trommeln, Nahrung und Kleidung und Tänze, die er nicht verstand.
Mission durchschritt und umfuhr die Insel das gesamte Jahr 1696 und schloss Handelsverträge. Ende des Jahres traf er das erste Mal auf die Sakalava im Nordwesten, einem Clan-Verbund der sich seit ein paar Jahren zu dem gemeinsamen Königreich Boina zusammengeschlossen hatte. Mission besuchte im August die große, sandige Hauptstadt, die Sakalava betrieben Viehhandel.
Auf seiner Rückreise nach Liebrtalia traf er auf die Tsimihety, die er mit Thomas Tew schon vor einem Jahr auf einer Handelsroute getroffen hatte, die aber nur völlige Ruhe und Desinteresse den neuen Siedler gegenüber gezeigt hatten.
Nur eine Tagesreise von Libertalia entfernt, besuchte er in in den Regenwäldern der ansteigenden Ebenen die verstreuten Dörfer der Tsimihety. Sie waren Meister des Ausweichens, ihre Kommunikation und ihr gemeinsames Handeln war von einer unglaublichen Mühelosigkeit durchströmt. Mission schreibt, dass mir in der Aufregung der ersten zwei Jahre, der Aufbauarbeiten und Besuchen der neugierigen Clans, die Tsimihety einfach nicht aufgefallen waren. Auch jetzt, mit in den Wäldern Madagaskars ist der Satz meines Vaters, wenn ich etwas im ganzen Haus gesucht habe, das in direkter Nähe war, immer noch gültig: Achtung, gleich beißt es dich.
Die Tsimihety hatten die egalitäre Organisation und die sozialen Praxen, die Mission anstrebte, schon seit Jahrhunderten realisiert. Die Fluidität, mit der sie sich durch den Wald bewegten, war unbeschreiblich. Hier hatten sich Menschen der Unabänderlichkeit des Schicksals so unterworfen, dass sie frei wurden. Sie waren frei, weil sie keine Angst hatten und völlig spontan handelten.
Bis heute haben die Tsimihety den Ruf bewahrt, Meister des Entziehens von Macht zu sein. Unter der französischen Besatzung Madagaskars beklagten sich Kolonialbeamten, als sie Delegationen schickten, um Arbeitskräfte für den Bau einer Straße in der Nähe eines Tsimihety-Dorfes zu organisieren. Sie verhandelten die Bedingungen mit den scheinbar kooperativen ältesten Frauen und kehrten eine Woche später mit der Ausrüstung zurück, nur um festzustellen, dass das Dorf vollständig verlassen war. Jeder einzelne Bewohner war zu Verwandten in einen anderen Teil des Landes gezogen.
Als Mission Ende 1696, angeschlagen und müde von der einjährigen Expedition die Tsimihety erreichte, war es Dienstag, der heilige Tag der Tsimihety. Eine Gruppe von Kindern sahen den großen, dünnen Mann mit seinem schwarzen Anzug und einem Lemur auf den Schultern den Fußpfad zum Dorf hochkommen. Sie lachten mich aus und riefen ihre Mütter, die Mission empfingen und zum Essen einluden. Wir saßen auf großen Decken in einem wunderschönen Dattelpalm-Garten, mehrere Frauen, zwei Neugeborene und ich. Wir aßen und spielten eine Art Dame-Brettspiel, das Fanorona.
Sie erklärten Mission, und zeigten auf Geist, dass das wichtigste die Toten waren, an die man sich wenden musste, wenn die menschliche Möglichkeiten erschöpft waren. Mission schlief in einem Gästehaus am Rande des Dorfes.
Informeller Konsens bildet die Grundlage lokaler Entscheidungen. Jeder, der sich wie ein Anführer verhält, gilt als verdächtig. Befehle zu erteilen, gilt als falsch. Das Konzept, dass jemand verantwortlich gemacht wird für etwas, ist verpönt. Konzepte, wie das Arbeiten gegen Lohn, sind moralisch missbilligt. Langsam verstehe ich, was Lemuria ist.
Am Morgen seiner Abreise weckten ihn die Frauen und führten ihn zu einem Opferstein. Sie wiesen ihn an, sich niederzuknien und die rechte Hand auf den Stein zu legen. Mission wurde von einer tiefen Schwärze umgeben. Ihm rannte eine Träne das Gesicht herab. Die Frauen lachten, wünschten ihm viel Erfolg.
Immer wieder kehrte Mission zurück. Er dachte manchmal, wenn er mit den Clans-Frauen im Kreis saßen und die Akazien und Dattelpalmen sah, er würde sich auf Lesbos befinden. Er führte die Sappho-Fragmente, die er auswendig kannte, vor.
jemand wird sich an uns erinnern
sage ich
auch in einer anderen Zeit
Die Tsimihety verstanden sofort, dass die Liberi leben wollten wie sie, es nur noch nicht richtig verstanden hatten. Die Clansfrauen organisierten einen speziellen Ritus der Verheiratung. Tsimihety-Männer heiraten Liberi-Frauen, aber da es in Libertalia immer noch einen Männer-Überschuss gab, waren es vor allem Tsimihety-Frauen, die Liberi-Männer heirateten. Das Ganze wurde bald zu einer regelmäßigen Einrichtung. Von dem Mann wurde erwartet, dass er zwei voneinander getrennte Wohnungen zur Verfügung stellen konnte, eine für ihn und eine für die Frau. Die Kinder lebten bei der Frau.
Auch Mission lernte eine Frau kennen, ihr Name war Soanirina, was, die Schöne, die geliebt wird, bedeutete. Ihre Tochter war bereits erwachsen, und sie hatte ihren Mann verlassen. Mission und Soa schätzen, dass sie zehn, vielleicht elf Jahre älter als er war.
Mission hatte große Sympathien für das Beziehungskonzept, das sich hier entwickelte, von Frauen und Männer, die Zeit miteinander verbrachten, Kinder bekamen, und wieder auseinander gingen, aneinander dachten und wiederzusammenfanden.
Soa und er hatten lange Gespräche, die Mission an die Gesprächen mit Caraccioli in Rom erinnerte. Nur, dass es diesmal nicht um Politik, sondern um Geister und die Zeit ging. Er wollte lernen. Irgendwann erklärte sie sich bereit ihm, ihr Wissen zu vermitteln.
Es ist eine Art zu gehen, sagte sie zu mir, eine Art durch den Wald zu gehen, es ist eine Reise zu den Geistern, sagte sie. Es hieße Indri, was So-geht-es bedeutet.
Wir gingen gemeinsam durch den Wald. Schwarze Lemuren mit langem Schweif leckten an Tausendfüßler, setzten sie dann behutsam zurück. Geist sang vor Freude. Lange Schweife der fliegenden Papageien über uns, drei.
Soa lag auf dem Bett, Geist saß in der Morgensonne und meditierte, Mission schrieb seine Memoiren.
Soa kam ihn zwei oder drei Mal in der Woche in seinem Studio besuchen. Er baute ihr ein Haus in Libertalia. Die Liberi waren neugierig, welche Frau der frühere Captain hatte. Er wusste, dass er durch Assoziation mit jedem Menschen zum Orgasmus kommen konnte. Aber wichtiger war, dass er Soa liebte. Sie spielten viel Fanorona, und Mission wurde immer besser.
Mission musste in dieser Zeit oft an die Provence denken, an die Winter an der Küste, wie er und sein Vater Schach gespielt hatten, neben dem Kamin. Sein Vater mochte es immer warm. Es waren Erinnerungen, aber ganz in der Gegenwart. Es war wunderbar.
Soa, Geist und er aßen gemeinsam Eier, Datteln und Reis. Jeden Tag, wenn sie bei mir war, vermittelte sie mir das Indri, So-geht-es. Soa war eine Meisterin des Indri. Sie nannte Mission Ilay Mangarahara, was der eine, durch den man hindurchsehen kann hieß. Jede Tsimihety-Frau gab ihrem Ehemann einen neuen Namen.
Nach dem Frühstück packten sie ihre Sachen für eine Tagesreise. Dann liefen sie durch den Wald, oft bis zu Soas Dorf, wo sie schliefen. Mission kehrte am nächsten Tag, alleine nach Libertalia zurück. Auf dem Rückweg versuchte er das anzuwenden, was Soa ihm auf dem Hinweg vermittelt hatte. Es war nicht einfach, das So-gehen, um die Geister zu sehen.
Nach ein paar Monaten Übung, sagte Soa:
« Es wird dauern, aber hiermit wirst du die Eidechse treffen, Ilay. »
Sie gab ihm Indris, eine violett-schimmernde, kristallartige Droge. Es wurde aus einem parasitären Pilz gewonnen, der nur auf einer bestimmten stacheligen Pflanze wuchs, in den Trockenwäldern des Westens.
« Du wirst den Dschungel verstehen, Ilay », und gab ihm das Indris.
« Ist das Tages- oder ein Nachtmedizin? »
« Viele nehmen Indris und bemerken keinen Unterschied. Dann nehmen sie zu viel und bemerken einen zu großen Unterschied. »
« Wir müssen es richtig dosieren? »
« Wenn wir es morgens nehmen es, dann zeigt es sich beim Sonnenuntergang. Wenn wir es abends nehmen, zeigt es sich beim Sonnenaufgang. »
Über zwei Jahre lang betrieb Mission Indri. Mit Soa und ohne sie, mit der Indris-Droge, und ohne sie. Er sah die Eidechse nicht. Sie schliefen miteinander, aber so, dass Soa nicht schwanger wurde. Er berichtete ihr von seinen Versuchen der incorporal mit Ade. Und Soa war sehr interessiert an diesen sexuellen Versuchen der Verschmelzung. Irgendwann erlebten sie diese Momente, wirklich in den Körper des anderen einzutreten.
Manchmal beim Übersetzen und Lesen habe ich das Gefühl, Mission versucht verschlüsselt zu betonen, wie stolz er auf diese Techniken war, vielleicht stolzer als auf Libertalia selbst. Ich bekomme den Eindruck andere – Tiere und Menschen, Kunst, das Wetter, Geliebte, wirklich alles – existierte für ihn nur, um sein eigenes Bewusstsein zu verwandeln. Aber keine individuelle Verwandlung, er wollte ein Aufgehen hervorbringen, eine Synthese. Seine Aufmerksamkeit für Libertalia wirkt beiläufig, wie ein Überfluss an persönlicher Erkenntnis dieser Verschmelzung. Er hatte so viel Überfluss an Gedanken, dass eine ganze Stadt daraus entstehen konnte.
Libertalia florierte, nichts geschah. Konflikte wurden durch Hilfe der Verfassung ausgetragen. Es gab keine schweren Verbrechen. Sie hatten das Paradis auf Erden geschaffen.
Die beste Zeit für mein Indri ist kurz vor und kurz nach Regenzeit. Ich gehe durch den grünen Wald in einen roten Sonnenuntergang hinein. Die Bäume sind gewaltig, ich durchquere Flußläufe mit klaren Wasser. Meine Hände kribbeln. Lemure in den mehrstöckigen Baumkronendächern. Geist weist mir den Weg.
Mission hatte einen schrecklichen Traum, in dem tote Lemure über ganz Libertalia verstreut waren und wachte auf, im Morgengrauen, Tränen strömten sein Gesicht herab.
Es war ein klarer Tag, kurz vor dem Monsun, November 1699, perfekt zum Verbrennen von Bauabfall. Mission sah rußverschmierte Liberi, die Asche in Karren luden, um die Maniok-Felder zu düngen. Mission packte eine Trinkflasche, einen geschnitzten Stab, eine Machete und das Indris ein und lief mit Geist ins Landesinnere.
Er sah zur Sonne. Ich muss, wie du, untergehen, sagte er zur Sonne. Ich muss zurückfallen. Er ließ seine Gedanken kommen, er zwang sich nicht, sich zu verstehen. Mission sah auf seine Uhr. Er berechnete sechs Stunden bis zum Sonnenuntergang. Genug Zeit, um Soa zu erreichen. Er nahm das Indris, so viel wie immer.
Er lief landeinwärts, einen steilen, feuchten Pfad hinauf, der auf einer Ebene von hundert Meter über dem Meeresspiegel endete. Er blieb stehen, stützte sich auf seinen Stab und blickte hinab, das weite Meer, Osten. Er sah die Siedlung, die frisch geformten roten Backsteine und goldenen Strohdächer. Er konnte die Schatten unter dem Pier sehen, die wachen Fische, das klare blaue Wasser der Bucht, die Felsen und das Laub, alles schwebte in einem klaren, rahmenlosen Gemälde, vielleicht wie bei Gaugin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?
Es sah aus wie ein Gemälde, und ich wusste, dass viele Männer und Frauen wegen mir hier waren, aber ich war so weit im Indri, dass ich keinerlei Verantwortung spürte, kein Gefühl irgendetwas getan zu haben, nichts Wichtiges und nichts Großes, ich sah die Szene wie die Gemälde in den uralten, französischen Kirchen der Jahrtausendwende, in der die gesamte Gemeinde Himmel, Erde und Unterwelt gemalt hatten.
Mission lief tiefer in den Wald. Irgendwann hörte er die Gesänge der Zafy-Ibrahimi, die ein Ritual abhielten. Die Zeit verging, nur so. Er hatte die Zeit vergessen. Seit wann war er unterwegs, seit Tagen? Als das Ritual fertig war, sah Mission heimlich auf die Uhr. Es würde knapp werden, wusste er, vielleicht musste er die Nacht im Wald verbringen. Dann kam ein Schamane aus der singenden Gruppe, er hatte eine Holzmaske an, Mission erkannte ihn als Eidechse. Der Schamane nahm die Maske ab, darunter ein Menschengesicht. Sein Name war Ezra. Ezra insistiere, er müsse jetzt, in der Dämmerung nach Norden, dort gäbe es einen Weg.
« Du musst nach Norden. »
« Was soll ich da? »
« Menschen sind Tiere. Worte sind Tiere, zerschneide die Seite, lass die Tiere frei. »
Mission lief zügig und nahm alle paar hundert Meter etwas von den Indris-Kristallen, mit einem Schluck Wasser aus seinem Ziegenlederbeutel zu sich.
Es war wieder Tag.
Die Feder eines großen ausgestorbenen Vogels.
Ein heiliger See, zwei Tage entfernt, wo jedes Jahr ein Haustier einem heiligen Krokodil geopfert wird.
Seine Sicht wurde durchschnitten, als würden seine Augen auf zwei voneinandergetrennten Achsen sitzen.
Dämmerung, einfach so.
Aber ich konnte sehen.
Zum ersten Mal sah ich die Eidechse, die ihre Farbe wechselt. Sie war ziemlich groß, etwa armlang und schwierig zu erkennen, nicht weil sie die Farben ihrer Umgebung annahm, sondern weil sie absolut bewegungslos war. Er näherte sich der Eidechse, die ein Auge auf ihn richtete und vor Wut schwarz wurde. Offensichtlich mochte die Eidechse, die ihre Farbe ändert, es nicht, gesehen zu werden. Ihre Farben verblassten zu einem neutralen Orange-Gelb mit braunen Flecken.
Weiter, er kam weiter, er sah ein zweites Chamäleon auf einem Ast, als wäre es aus der Rinde geschnitzt. Dieses zwinkerte Mission mit einem goldenen Auge zu.
Alles ist lebendig. Mission selbst war ein Bote dieser Panik. Er war der Bote eines Wissens, dass der Mensch mehr als alles anderes fürchtet: die Wahrheit über seinen Ursprung. Dieser Ursprung, der ihm klarmacht, dass er ein zeitloses Tier war. Dieser ewige zeitlose, wortlose Ursprung ist so nah.
Er bewegte sich durch riesige Farne und Kletterpflanzen im grünen Schatten, ohne seine Machete zu gebrauchen. Ich schwebte, bis ich irgendwann am Rand einer Lichtung stehenblieb. Ein Moment der Bewegungslosigkeit, dann bewegten sich ein Busch, ein Stein, ein Baumstamm. Geist sprang ab und lief quiekend im Kreis, eine Gruppe Kattas tauchte auf und sie stolzierte im Kreis, ihre Schwänze zitterten über ihren Köpfen. Sie sprachen mit Geist, verschwanden im Gebüsch.
Mission spürte einen leichten Druck, ging noch ein paar Meter, stützte sich auf seinen Stab. Und jetzt stand Mission vor dem Reh-Lemur, seit 2000 Jahren ausgestorben, von Mission am 9. November 1699 gesehen, so groß wie eine Katze, das Totem-Reh von William S. Burroughs 1918 im Forest Park in St. Louis gesehen, das Totem-Reh, das ich, Marius Goldhorn, an einem heißen Herbsttag am 21. September 2019, tief in den Wäldern im Burgund getroffen habe.
Wenn dein Totem ein Reh ist, wirst du es treffen. Wenn du, Leserin, Defoe-Expertin bist, und weißt, ob Daniel Defoe ein kleines Reh getroffen hat, schreib mir. Wenn dein Totem, Leserin, ein Reh ist, bitte melde dich bei mir. Die magische Welt ist nicht ganz ausgelöscht. Noch ist nicht jeder Wald verbrannt und durch Industriegebiete ersetzt. Ich bin ein Zeuge von heute, es gibt diese Welt. Mission war ein Zeuge. Noch ist nicht alles verloren. Das Reh gehört zu den Widerkäuer.
Mission und das Reh blieben still. Weil Mission das Indri gelernt hatte, konnte er still sein und auf das Reh zugehen, ohne sich zu bewegen. So geht es. Er reiste durch einen grünen Tunnel, bis er vor dem alten Steingebäude stand, überwuchert von Kletterpflanzen und grün von Moos. Das Reh verschwand in dem Tempel. Mission drückte Lianen beiseite und folgte ihm.
Wer hatte dieses Bauwerk errichtet? Die Steine waren zu schwer für Hände und Körper. Gab es noch mehr dieser Bauwerke auf der Insel? Wo?
Mission wusste, dass das Steinportal der Eingang zum Garten der verlorenen Möglichkeiten war. Er spürt eine Welle der Traurigkeit, die ihm den Atem raubte, ein erstickender, zerreißenden Kummer.
Dieser Kummer um die vertanen Möglichkeiten kann tödlich sein.
Geist sprang von meiner Schulter und folgte dem Reh tiefer in den Tempel.
Ich kam nur langsam voran, versuchte die Hieroglyphen an den Wänden zu entziffern. Schlangen, hellgrün.
Vorsichtig stieg er in den unterirdischen Raum hinab. Am anderen Ende öffnete sich ein Dachfenster, durch den das Abendlicht hereinströmte, und er konnte die Steinwände sehen. Am Ende des Raumes befand sich ein Tier, das wie ein kleiner Gorilla oder Schimpanse aussah. Das überraschte ihn, da ihm gesagt worden war, dass es auf der Insel keine echten Affen gab. Das Wesen war regungslos und schwarz, als wäre es aus der Dunkelheit entstanden.
Ich sah ein großes Schwein, das eine hellrosa Farbe hatte und an seiner rechten Seite an der Wand lehnte. Links an der Wand hatte Geist auf einem Steinaltar angefangen mit meiner Tintenfeder zu malen. Dann kam der Reh zu meiner ausgestreckten Hand. Ich sah, dass es keine Hörner hatte, aber scharfe Zähne, wie kleine Krummsäbel geformt. Die langen, dünnen Beine endeten in kabelartigen Fingern. Die Ohren waren groß und nach vorne gerichtet, die Augen klar und bernsteinfarben, in denen die Pupillen wie glitzernde Juwelen schwammen, ihre Farbe mit dem Licht wechselte Obsidian, Smaragd, Rubin, Opal. Langsam hob das Tier eine Pfote und berührte mein Gesicht. Tränen liefen über mein Gesicht, ich streichelte den Kopf des Tieres, es drückte sich gegen meine Hand.
Der große Affe begann einen schwarzen Gesang, zu schwarz, zu klar, zu einfach, dass er in der Zeit überleben könnte. Geist malte auf die Seiten. Mission driftete weiter und weiter, schneller und schneller, gefangen in einem Unterströmung der Zeit.
« Raus, und runter, und raus, und raus… », wiederholte eine Stimme in seinem Kopf.
Ich konnte alles sehen was jemals von der Erde verschwunden war. Jedes Tier, jede Idee. Nur durch das Sehen kann ich es wiederbeleben.
Er ging zu Geist und sah das Buch mit den Hieroglyphen.
Geist gab Mission die Feder und Mission schrieb: « Les lémuriens fantômes de Madagascar. »
Es gibt kein Warum. Mission ist da. Er war immer da. Er wird immer da sein, im Garten der verlorenen Möglichkeiten.
Es gibt keine Originalversion. Es gibt keine Originalversion von Libertalia. Da ist nichts, außer das Brechen der linearen Zeit, eine geschlossene Schleife entsteht, in denen Mission und ich zusammenlaufen.
Nichts existiert, solange es nicht wahrgenommen wird.
Wiederbeleben durch Beobachtung.
Lösch das Konzept der Frage aus deinem Kopf.
Im 110. Stockwerk des World Trade Center hängen die Weltuhren: New York, London, Shanghai, Rio de Janeiro, Singapur, Genf, Berlin, Tokio, Moskau, Dubai, Hong-Kong. Sie zeigen die Zeit.
مكتوب
mektoub
steht in schöner großen Schrift an der Wand:
es steht geschrieben.
Hier sitzen sie im Situation-Room, hier sitzt der Zirkel, die Männer der Kontrolle und des Marktes. Sie betreiben Psycho-history. Sie verstehen die Vergangenheit, sagen die Zukunft voraus, und kontrollieren die Gegenwart. Sie sind die Hüter des Geschehens. Es läuft immer alles nach ihrem Plan.
Auf einem Display an der Wand beobachten sie genau, was Mission tut. Mission hat durch eine Verkettung von Zufällen und spontanen Handlungen ein Tor geöffnet. Er hat sich in die Lage versetzt, das Geschehen zwischen den Menschen umzuleiten, alle Situationen, alle Verbindungen, jede Kommunikation zu verändern. Ein erfolgreiches Libertalia würde die Männer im World Trade Center sofort auslöschen, ihre Existenz vernichten. Die Tower wären von Menschen bewohnt, wenn sie überhaupt erbaut worden wären. Städte wären Orte ohne Internet, ohne Nachrichten, ohne Kontrolle, ohne Müll. Dass Mission den Tempel der verlorenen Möglichkeiten erreicht, ist ihnen zu viel. Die Männer werden unruhig, einer schreit. Sie müssen eingreifen.
« Wir sollten einen Timeagent schicken. »
Ihren Stimmen sind hoch, englisch.
« Wir sollten Victor O. schicken. »
« Er arbeitet am Augustputsch 1991. »
« Wir könnten Jeffrey E. schicken? »
« Zu eitel. »
« Manche Modelle sagen voraus, dass er auffliegt. »
« Wir müssen uns um Jeffrey E. kümmern. »
« Wir nehmen Martin F. »
« Martin F. wäre eine Möglichkeit. »
« Wir schicken Martin F. »
« Notieren wir: Wir schicken Martin F. nach Salé, 1694. »
Wessen Flagge hing wo? Alles verblasst, zerfällt hinter dir, während du dich bewegst, und jetzt auch vor dir – wo bist du? Wer warst du, warum? Es hat keine Realität, es hinterlässt nichts außer den Beobachter. Beobachte den Beobachter.
Unten auf der Straße in New York herrscht Traurigkeit. Traurigkeit hängt als grauen Nebel über diesem Tag, in diesem feuchten Käfig. Die Traurigkeit ist hier, in jedem Gesicht. Auf dem Union Square bricht ein Kind zusammen und fängt an zu schreien:
« Ich halte das nicht mehr aus! »
Martin Frederick saß im März 1694 auf der Amity, vor der Küste Sierra Leones. Seitdem er denken kann, hörte er Stimmen. Die Crew schätzte ihn, weil er sich für nichts zu schade war. Er sprach nicht und machte die niedersten Arbeiten, ohne sich zu beschweren. Er dachte: Das ist mein Schicksal. Er hatte vor ein paar Wochen bei Thomas Tew angeheuert.
Warum tat er das, was er tat? Er wusste es nicht. Jahrelang hatte er gewartet, weil die Stimme es ihm befohlen hatten. Und da sah er das Schiff mit der weißen Flagge und dem L. Darauf hast du gewartet, Martin. Eine Träne der Erleichterung rann sein Gesicht herab. Alles wird gut, Martin. Alles wird so werden, wie es sein soll, Martin. Martins Eltern sind Schneider in New York, ein kleines Hafendorf mit ein paar hundert Häusern und verschlammten Straßen, Obstgärten und Wäldern, Feldern und Farmen. Er vermisste New York.
Mission verbrachte die Nacht im Garten der verlorenen Möglichkeiten, dann im Mondschein im Wald. Er wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, Libertalia zu retten. Er hatte es im Picatrix in Rom gelesen. Er müsste die Informationen an die Nachwelt überliefern. Er schrieb rasch zu Ende. Auf den letzten Seiten seiner Memoiren verschwindet die geschwungene Handschrift, die Buchstaben werden immer kleiner.
Er nahm Geists Hieroglyphenbuch Les lémuriens fantômes de Madagascar, packte es zusammen mit seinem Memoir Esprit du hasard in eine Ledermappe.
Er wusste, dass eine Chance, die nur einmal in hundertsechzig Millionen Jahren vorkommt, verloren gegangen war.
Er wusste nicht, wie viel Zeit er hatte.
Ich schreibe das hier in der Nacht. Ich warte auf das Ende. Ich will das Ende aufzeichnen, um das Gesamte aufzuzeichnen. Ich fürchte, dass es lange dauern könnte.
Diese Passagen sind fast unlesbar. Er muss sehr schnell geschrieben haben.
Es ging schneller, als Mission erwartet hatte. Er erreichte Libertalia am Mittag des 9. November 1699. Er sah Martin Frederick, auf dem Marktplatz über einem sterbenden Lemur. Eine Welle der Wut, Realisierung und Hass überkam Mission.
« Warum? », fragte Mission monoton.
« Hat meine Mango geklaut », murmelte Martin gleichgültig.
Mission griff zu seiner Machete, aber Martin lachte nur.
« Willst Du gegen deinen eigenen Artikel verstoßen? », sagte er.
« Nein. Aber ich erinnere dich an Artikel 23: Wenn zwei Parteien eine Uneinigkeit haben, die nicht beigelegt werden kann, gilt die Regel des Duells. »
« Warum soll sie nicht beigelegt werden? »
« Dann musst du Libertalia verlassen, noch heute, bevor die Sonne untergeht. »
« Natürlich, ich packe meine Sachen. »
Mission wollte sich dem Feind nicht ergeben. Mit einem qualvollen Ruck formte sich seine Trauer zu einem Fluch. Er ging mit offener Machete ins Meer, und ruft einen Fluch über den Zirkel der Macht, die Könige und die Mächtigen der Erde aus, über all ihre Diener, Vasallen und Anhänger.
Mission lebte 33 Jahre, lange genug, um anderen ein Beispiel zu geben, dem sie folgen konnten, die Menschheit hätte sich vielleicht aus der tödlichen Sackgasse unlösbarer Probleme befreien können, in der wir uns jetzt befinden. Die Chance war da.
Mission sprach nicht mehr. Er machte weite Wege durch den Wald, bis in die Hochebene, beobachtete die großen Lemuren, sammelte Insekten und gab sie Geist zu essen.
Einen Mond später mordeten ein Kommando aus Zafy-Ibrahimi und Zafi-Raminia die Bewohner Libertalias in der totfinsteren Nacht. Caraccioli starb in dieser Nacht, und viele andere, Kinder und Frauen. Libertalia wurde abgebrannt. Die, die sich retteten, retten sich auf Schiffe.
Thomas Tew kam bis nach Amerika, verarmte so sehr, dass er noch nicht mal so viel Geld hatte, um sich einen Sarg zu leisten.
Mission floh zu Fuß nach Antananarivo, wo er Esprit du hasard und Les lémuriens fantômes de Madagascar in der Bibliothek abgab. Er floh weiter in den Süden, gab sich nicht zu erkennen und heuerte auf einem englischen Schiff an. Er ging mit Geist am Kap der guten Hoffnung unter den Wellen verloren.
Meine Alpträume sind zurück. Geist ist unter einem schweren Stein eingeklemmt. Ich nehme den sterbenden Geist in meine Arme. Ich weiß, dass er im Tempel war und auf mich gewartet hat. Er legt langsam seine Pfote auf sein Gesicht und gibt einen sehr, sehr traurigen Laut von sich. Dann sinkt die Pfote. Ich halte den toten Geist in meiner Hand.
Antavaratra Rahena und Thomas Tew hatten einen Sohn. Sie nannten ihn Ratsimilaho. Antavaratra Rahena brachte ihn nach Mauritius, wo er aufwuchs und hervorragend ausgebildet wurde. Er war der erste Malata, halb Liberi, halb Antavaratra-Clansmann.
Ratsimilaho kehrte 1712 nach Madagaskar zurück. Ratsimilaho schloss einen Vertrag zwischen den verschiedenen Clans des Nordens Madagaskars und das neue Volk nahm den Titel Betsimisaraka an, was die Vielen, die nicht getrennt werden können heißt. Ratsimilaho heiratete eine Frau der Sakalava.
Die Betsimisaraka-Konföderation blieb im Wesentlichen ein Zusammenschluss unabhängiger Gemeinschaften, mit einer komplexen, radikal-demokratischen Organisation.
Drei Jahre später stirbt der Sonnenkönig. Er hinterlässt sein Land hochverschuldet.
Sechs Jahre später schreibt Montesquieu die Persischen Briefe, das erste Werk der französischen Aufklärung.
Briefe sind Kommunikation, Nachrichten. Etwas, das andere beinflusst, indem darüber gesprochen, erzählt, gesungen, gezeichnet und geschrieben wird.
Die Liberi, die Clan-Vorsteherinnen und Vorsteher, an der Nordküste Madagaskar, waren im vollsten Sinne globale politische Akteure.
Die Zafy-Ibrahimi und Zafi-Raminia gingen in die Gesamtbevölkerung Madagaskars ein.
Die Betsimisaraka-Könferdaration war ein zweites Libertalia.
Auch dieses scheiterte.
Auf der Kongokonferenz wurde Madagaskar an Frankreich vergeben.
Der Tempeleingang in den Garten der verlorenen Möglichkeiten wurde von sieben Wächtern der Tsimihety geschützt. Ein riesiger, knolliger Baum, dessen Wurzeln den Tempel umschlangen wie eine Mutter, die ihr Baby hält, beschützte den Tempel. Die Lemuren wissen davon. Die Computer des Zirkels finden ihn nicht. Sie rechnen und rechnen, während wir durch die traurigen Straßen der verlorenen Möglichkeiten gehen.
Es gab ein sechstes Libertalia.
Der Sonnenkönig lag 78 Jahre lang in seinem unverdient-ruhigen, königlichen Grab, bis die Stürme der französischen Revolution auch ihn erfassten. Die provisorische Revolutions-Regierung hatte am 31. Juli 1793 die Öffnung und Zerstörung der Königsgräber in Saint-Denis angeordnet. Das Grab wurde am 15. Oktober 1793 geöffnet und der darin liegende Leichnam exhumiert. Da der einbalsamierte Sonnenkönig noch sehr gut erhalten war, wurde er zusammen mit einigen anderen verstorbenen Königen, wie Heinrich IV von Navarra für einige Zeit auf den Straßen zur Schau gestellt. Man ließ ihn etwas verwesen und anschließend in eine von zwei außerhalb der Kirche ausgehobenen Gruben werfen, mit Löschkalk bestreuen und wieder vergraben.
Es gab ein Sechshundertes.
Noch ist die Welt nicht verloren. Noch ist das Leben nicht ganz ausgelöscht. Noch gibt es die Welt des Lebens und ihrer Magie.
Es wird ein Sechstausendes geben.
Madagaskar erlangte 1960 seine Unabhängigkeit.
Es wird ein Achtausendes geben.
2011 war ich für ein Medizin-Studium eingeschrieben. Ich wäre nie Arzt geworden. Es war richtig, es nicht zu verfolgen. Mein Herz ist zu weich und zu hart, Liebe, Wut, Gleichgültigkeit. Für manche Patienten würde ich zu viel empfinden, für andere gar nichts.
Es wird ein Sechshunderttausendes geben.
Solange dieser Planet wie ein gewinnorientiertes Unternehmen und nicht als Gemeinschaft von zehn Millionen Arten geführt wird, solange wir nicht den Zirkel der Macht zerschlagen, ist es Schicksal des Lebens auf der Erde, zu verschwinden. So steht es geschrieben. Wir müssen es umschreiben.
Es wird ein Neunhunderttausendes geben.
In Indonesien, den Phillipinien, Kenya and Peru ist 2025 die Revolution unter der One-Piece-Flagge erfolgreich.
Es wird ein Nächstes geben.
Fall zurück.

































