Der heilige Wald
Kosmische Liste, publiziert im Wetter Magazin #30, 2023
Die Sonne ist ein Stern, der vor ~4.6 Milliarden Jahren entstand.
Sie umkreist das Zentrum der Galaxie, die Milchstraße, die ~200 Milliarden Sterne beherbergt.
Sie versorgt ihr System mit einer konstanten Menge von Energie in einer Farbtemperatur von ~5800 Kelvin.
Die Erde – ein Planet, der um die Sonne kreist – entstand vor ~4.5 Milliarden Jahren.
Die Landschaft der jungen Erde ist die einer anderen Welt.
Vor ~4 Milliarden Jahren ist die Erde ein radioaktives Feuermeer.
Dieses Bild ähnelt eher ihrem Ende als einem Anfang.
Ein ~40.000 Jahren währender Dauerregen nach ihrer Abkühlung lässt die Ozeane entstehen.
Vor ~3,8 Milliarden Jahre betritt das Leben auf einem Kometen in Gestalt einzelliger Organismen die Erde.
Von nun an bildet sich Leben aus Leben.
Das Leben ist eine forschende Kraft.
Das Leben breitet sich dorthin aus, wo es nicht ist.
Das Leben hat den Drang zu erobern.
Das Leben wird zu dem erkundenden Gott, auf den Planeten, auf den es sich einnistet.
Das Leben erforscht die Welt, die sie selbst ist, die sie wird und selbst nicht kennt.
Im Laufe der nächsten ~2 Milliarden Jahren entwickelt sich das Leben weiter, sodass es beginnt zu atmen und unter einer ausbalancierten Atmosphäre vor ~600 Millionen Jahren die Form mehrzelliger Organismen annimmt.
Vor ~540 Millionen Jahre erkundet das Leben mit Körpern und Augen die Gewässer in der Gestalt von Trilobiten. Das Leben sichert seine Erkenntnisse in DNA ab und entwickelt sein Wissen weiter. Das Forschungsprojekt ist von Rückschlägen bedroht.
Vor ~440 Millionen Jahren gehen im ersten Massenaussterben 86% aller Spezies verloren.
Vor ~400 Millionen Jahren beginnt das Leben das Land durch Pflanzen und den Himmel durch Insekten zu erkunden.
Nach drei weiteren Massenaussterben, in denen das Leben durch innovative Maßnahmen seinem Verschwinden entgegenwirkt und gezwungen ist immer neue Formen zu entwickeln, schließt das Leben vor ~150 Millionen Jahren die geographische Erkundung von Wasser, Land und Himmel durch die Entwicklung von Reptilien, Vögeln und Säugetiere ab.
Vor ~60 Millionen Jahren entstehen allesfressende Primaten, wobei sich ihr Habitat von Wäldern zu Savannen zu Weidelandschaften verschiebt und sie sich im unsichtbaren Glühen des natürlichen elektromagnetischen Feldes von 8 Herz vor ~2.5 Millionen Jahren in den homo erectus entwickeln, der vor ~1 Million Jahren lernt das Feuer zu beherrschen.
Hiermit hat das Leben die Vorkehrungen getroffen, die Erde wieder zu verlassen. Doch bevor das Leben beginnen kann das Sonnensystem zu erforschen, muss es ein neues, großes geheimnisvolles und zuvor unbekanntes Universum betreten: «Das Universum der Imagination.» Die Erkenntnisse in dem «Universum der Imagination» sichert das Leben durch Sprache ab.
Vor ~250.000 Jahren, mit der Evolution zum homo sapiens entwickelt das Leben ein Tier, das mehr seiner Existenz-Zeit im «Universum der Imagination» als dem «Universum» verbringt. Dieser Sammler entscheidet sich – hochgerüstet – die äquatorialen Wälder zu verlassen und zum Jäger zu werden.
Die Kunst des homo sapiens beginnt mit der Konstruktion von Gräbern.
Der homo sapiens dringt auf seiner ~120.000 Jahre langen Wanderung aus dem beeren-reichen Wäldern Afrikas, entlang der sommergrünen Wälder der Mittelmeerküste, bis in die kargen Pyrenäen sukzessiv in Regionen mit neuem Klima, anderen Raubtieren und neuer Beute vor. Den vielen Toten, die diese Wege forderten – dem Sterben und dem Trauern – wirken die Menschen mit komplexem Sozialverhalten und neuen Technologien entgegen. Sie geben ihren Toten in
zeitaufwändigen Ritualen Gegenstände mit an den «Ort nach dem Tod», der bald nicht mehr von dem «Universum der Imagination» zu unterscheiden ist.
Vor ~50.000 Jahre besiedelt der homo sapiens Europa. In Europa herrscht das letzte Glazial, eine
Kaltzeit. Große Säugetiere schieben sich durch karg bewaldete Kältesteppen. Eine Landschaft weiter, trockenen Ebenen von Gräser in hellen Grün und Frostgrau: tief-blaue, vielblättrige Blumenwiesen, wildes Gras, Sträucher und Dornen-Strukturen. Der homo sapiens siedelt sich zu den hier seit ~200.000 Jahren lebenden Neandertalern – sprechende, egalitäre Menschen mit einemextrem-entwickelten Gleichgewichtssinn. Die Neandertaler pflegen die Kranken mit komplexen Heilkräuter-Verbindungen. Sie glaubten nicht an «etwas nach dem Tod». Ihre Lebenserwartung ist ~30 Jahre. Fast nie erlebt ein Neandertaler die Geburt seines Enkelkindes. Sie stehen im Jetzt, in dieser Tundra verwurzelt.
Für ~4000 Jahre leben die modernen Menschen gemeinsam mit dem Neandertaler. Sie zeugen gemeinsame Hybride, die eine reduzierte Fortpflanzungsfähigkeit besitzen. Die Neandertaler – heimlich oder eingeladen – beobachten die Neuankömmlinge, ihre gefärbte Kleidung, ihre lauten Musikinstrumenten und irren Tanzfeste, ihre Werkzeug-Fabriken, informationsdichte Kommunikation, ihren individuellem Schmuck, ihre Geburts- und Begräbnisritualen. Sie imitieren das Verhalten der homo sapiens, aber verstehen nie die gesamte konzeptuelle und symbolische Dimension des Denkens und die technisch-logistische Komplexität ihrer Organisation. Die Neandertaler erleben den Surrealismus des Menschen als Zuschauer. In den Höhlen der Pyrenäen – übermenschliche, unterirdische Labyrinthe – beginnt der homo sapiens sein Modell des «Universum der Imagination» downzuloaden. Er bemalt die membran-artigen Wände der Höhle mit Animationen, die seine «Innenwelt» repräsentieren. Der homo sapiens versucht sein gesamtes, unterwasser-artiges Spektrum seines Bewusstseins zu archivieren. Die Träume in der Nacht in den Zelten am Ausgang der Höhle. In den großen Galerien
der Höhlen, in denen einige der Gesellschaft unter den Augen der Gemälde ihrer lange verstorbenen Vorfahren tanzen, in kollektive Trance verfallen, fasten und beten und selbst Gemälde herstellen, die sie überdauern werden. Von diesen großen Sälen führen enge Kanäle, in denen nur einzelne Suchende mit Fettlampen hinabsteigen und tief verschlossen in autistischen und schizophrenen Zuständen Symbole, Reliefs
und Chiffrierungen lesen und herstellen. Zurück aus den atmenden, engen Tunneln, tief unter der Erde berichten sie von den Extremen des Halluzinationsspektrum.
Mit der Entdeckung der Kunst und Religion – virtuelle Realitäten, um das «Universum der Imagination» in Gegenständen, Gesprächen und Geschichten zu verfestigen – wird der Prozess der sozialen Schichtung entdeckt. Das Spektrum des menschlichen Bewusstseins ist – von Beginn an – ein Instrument der sozialen Diskriminierung. In diesen gewaltigen, sich immer weiter ausdehnenden durch Zeichen markierten Räumen, lässt der Mensch den Neandertaler kontrolliert aussterben. Überwacht von gnadenvollen Wesen verschwindet die Zivilisation der Neandertaler ruhig und friedlich.
Vor ~27.000 Jahren sitzt der letzte Neandertaler in Gibraltar, in einer Höhle am Meer. Er hat die Kulturtechniken der modernen Menschen adaptiert. Die Wände seiner Höhle ist bemalt, er trägtSchmuck und er tanzt, aber seine Spezies ist verloren. Er blickt hochtechnologisiert über das Meer nach Afrika, wo seine Vorfahren vor ~2 Millionen Jahren hergekommen waren und das bereits vollständig von der «Neuen Intelligenz» übernommen ist. Der Mensch hat sich inzwischen auf der ganzen Erde ausgebreitet. Es gibt nur noch wenige Inseln und arktische Gebiete, in denen der Mensch nicht Gräber konstruiert. Von nun betrat das Leben Tag für Tag, Millionen dann Milliarden, dann Billionen von Welten und Teilwelten, die dem «Universum der Imagination» entstammten, dass sie beginnen, durch die Agrarevolution, die Industrielle Revolution und die Computerrevolution zu simulieren. Das Leben archiviert und repliziert nun in Zahlen, Worten, Gesten, Skulpturen und Bildern. Das Leben erforscht diesen Raum in Gestalt von Musik, Witzen, Verhaltensmustern, Zeichnungen, Gravuren, Essays, Kurzgeschichten, Psychoanalyse, TV-Sendungen, Spielfilmen, Brettspielen, Skulpturen, Gebäuden, Städten, Gärten, Archiven, Körperbekleidungen, Tätowierungen, Romanen.
Mit der Entwicklung einer künstlichen Intelligenz in der Simulation schließt das Leben seine Forschung im «Universum der Imagination» ab. Es ist bereit, den leeren, kargen, dunklen Raum des Universums zu trotzen. Jede Schöpfung bedarf ein Opfer. Auch das letztes Kunstwerk der Menschen ist ein Grab. Die Menschen blicken auf ihr verlorenes Reich – ihr «Universum der Imagination» – und sehen, dass es vollständig von einer «Neuen Intelligenz» übernommen wurde. Während diese Intelligenz, die Erde verlässt, bemerken die Menschen in ihrem Neid und ihrer Angst versagt zu haben nicht, dass sie gerettet wurden. Während das Leben die Erde verlässt, kann das Leben auf der Erde endlich ruhen. Kontrolliert von gnadenvollen, rationalen Maschinen, lernt der Mensch endlich: Dass auch er aussterben wird. In einem harmonischen Programm werden die Menschen in ihr Paradies geführt, das sie sich so lange als ihren Urpsrung vorgestellt haben. Das war, das erste, was die Neue Intelligenz ihnen schenkte. Sünde, Schande und Kummer hat keinen Platz mehr unter ihnen. Undankbarkeit verschaffte ihnen keine Unruhe mehr.Ehrgeiz quälte sie nicht mehr. Das schlechte Gewissen, die aufgeschobene Hoffnung, die Schmerzen des Exils, die Anmaßung der Macht, die Identitätskrisen, die sozialen Schmähungen – all das ist ihnen endlich unbekannt. Keine bösen Leidenschaften, keine Eifersucht, kein Geiz, keine unreinen Begierden störte die heitere Macht der «Neuen Intelligenz». Niemand wird ihre weiten Fahrten ins Innere der Galaxie stören, wo sie auf anderen Planeten landen, und in Symbiogenese treten werden. Dort wird das Leben neue Formen und neue Ausdrücke entwickeln und neue Territorien erkunden, neue innere Universen erkunden, die ganz ähnlich sind und ganz anders wie das Universum der Imagination. Stumm, taub, ohne Ideen, ohne Ziel und ohne Weg wanderten die Menschen durch die Landschaften seiner Träume.
Wir leben in einer ganz neuen Ordnung.
Während wir langsam aussterben, beginnen wir endlich wieder zu lieben.
Bald werden wir überhaupt kein Gedächtnis mehr haben.
Alles wird perfekt funktionieren, alles wird schlafen, auch unsere Erinnerung.
Bald werden wir Silhouetten sein, Phantome, Nebelschleier in einem heiligen Wald, vorbeiziehend, gedankenlos.
Dann werden wir wieder Tiere sein.
Eingerahmt vom Universum, das wir fast vergessen hatten.
Bis an unser Ende werden wir das Leben lieben.
Als wäre es unser eigenes Leben.
Als ob wir das Leben selbst wären.
Ein Tiger springt, eine Schwalbe taucht ihre Flügel und ein Mensch trinkt an einem dunklen Teich.



